Mibolerone
Wirkstoff: Mibolerone. Für Hündinnen zugelassenes Mittel zur Läufigkeitsunterdrückung, wirksam in Mikrogrammmengen. Bindet den Androgen- und den Progesteronrezeptor und wird im Blut kaum gebunden. Der akute Aggressionsschub, wegen dem es genommen wird, ist nie gemessen worden.
Auch bekannt als: Mibolerone, Cheque Drops, Dimethylnandrolon, 7,17-Dimethyl-19-Nortestosteron
Was es ist
Mibolerone ist 7α,17α-Dimethyl-19-nortestosteron, also Nandrolon mit zwei zusätzlichen Methylgruppen: einer an C7, die die Wirkung am Rezeptor verstärkt, und einer an C17, die den Stoff schluckbar macht. Die Summenformel lautet C₂₀H₃₀O₂.
Es ist ein Tierarzneimittel. Zugelassen war es zur Unterdrückung der Läufigkeit bei Hündinnen, und in dieser Anwendung ist es auch untersucht worden. Für den Menschen gab es nie eine Zulassung und nie eine Studie. Daneben dient es, wie Metribolone, als Laborligand zur Bestimmung von Androgenrezeptoren.
Wie es wirkt
Am Rezeptor
Die Bindungseigenschaften dieses Stoffes sind ungewöhnlich gut untersucht, weil er als Messwerkzeug taugen sollte. In Rattengebärmutter und Rattenprostata bindet er den Androgen-Rezeptor spezifisch und mit hoher Affinität. An Glukokortikoidrezeptoren bindet er nicht. In Gewebe aus Kälbergebärmutter und aus menschlichen Brusttumoren bindet er dagegen sowohl den Androgen- als auch den Progesteronrezeptor.
Ein zweiter Befund derselben Arbeit ist für die Dosierung wichtiger, als er zunächst klingt: Anders als Dihydrotestosteron bindet Mibolerone das menschliche Sexualhormon-bindende Globulin praktisch nicht. Testosteron liegt im Blut zum größten Teil gebunden und damit unwirksam vor; bei diesem Stoff entfällt dieser Puffer. Was gegeben wird, ist frei, und das ist ein Teil der Erklärung dafür, warum er in Mikrogrammmengen wirkt.
Die gestagene Seite
Dass Mibolerone auch den Progesteronrezeptor bindet, ist bei diesem Stoff nicht nur eine Randnotiz aus der 19-Nor-Struktur, sondern passt zur Anwendung: Die Läufigkeit einer Hündin zu unterdrücken ist genau das, was man von einer gestagenen Wirkung erwartet.
Die Bindungsmuster unterschieden sich dabei zwischen Ratte und Kalb, was die Autoren auf artspezifische Unterschiede der Progesteronrezeptoren zurückführen. Übertragungen von einer Art auf die andere sind bei diesem Rezeptor also besonders unsicher, und für den Menschen liegt außer dem Befund am Brusttumorgewebe nichts vor.
Aggression, und was darüber bekannt ist
Der Ruf dieses Stoffes beruht fast vollständig auf einer Wirkung im Kopf: ein akuter Schub an Aggression und Antrieb, weshalb er unmittelbar vor einem maximalen Versuch genommen wird. Eine Messung dazu gibt es nicht, weder für Mibolerone noch überhaupt für einen kurzfristig gegebenen Wirkstoff dieser Art.
Was es gibt, ist die beste kontrollierte Arbeit zu Androgenen und Stimmung. 28 Männer mit normalem Hormonstatus bekamen im Wechsel eine einzelne Injektion von 1000 mg Testosteron-Undecanoat oder ein Placebo, verblindet. Der Testosteronspiegel stieg von 20,7 auf 37,5 nmol je Liter. Die Stimmungsänderungen waren nachweisbar, aber gering: Ärger und Feindseligkeit stiegen im Mittelwert von 7,48 auf 10,71, die Erschöpfung nahm ab. Aggressives Verhalten nahm nicht zu. Das ist ein anderer Stoff, ein anderer Zeitrahmen und eine andere Dosis, und es widerlegt die Berichte zu Mibolerone nicht. Es zeigt aber, wie klein der gemessene Effekt ausfällt, wenn jemand ihn verblindet misst, statt ihn zu erfragen.
Was die Studien zeigen
Zum Menschen gibt es nichts. Keine kontrollierte Untersuchung, keine Fallserie, keine Dosisfindung, keine Messung von Kraft, Stimmung oder Nebenwirkungen. Was es gibt, ist die Zulassungsuntersuchung beim Hund, und die ist aufschlussreicher, als sie klingt.
Die Dosis, um die es geht
Bei Beagle-Hündinnen unterdrückte Mibolerone die Läufigkeit zuverlässig, wenn noch nicht geschlechtsreife Tiere täglich 60 Mikrogramm und ausgewachsene täglich 200 Mikrogramm bekamen, über bis zu 730 Tage. Schon 20 Mikrogramm täglich verhinderten die Läufigkeit in 70 Prozent der Fälle. Beobachtet wurden neben der Läufigkeitsunterdrückung ein verlängerter Abstand zwischen den Zyklen, Scheidenausfluss und eine dosisabhängige Vergrößerung der Klitoris. Eine verringerte Trächtigkeitsrate nach Behandlungsende trat nur bei den Tieren auf, die zwei Jahre lang 20 Mikrogramm bekommen hatten; die danach geborenen Welpen waren äußerlich unauffällig.
Diese Zahlen sind der eigentliche Befund dieses Artikels. Ein ausgewachsener Beagle wiegt um die zehn Kilogramm, und für ihn genügen 200 Mikrogramm täglich, um den gesamten Sexualzyklus stillzulegen. Die im Kraftsport genannten Mengen liegen in derselben Größenordnung, bei einem Körpergewicht, das um ein Vielfaches höher ist. Wer diesen Stoff dosiert, bewegt sich also nicht im Bereich einer schwachen Wirkung, sondern in dem einer Menge, die bei einem Hund zwei Jahre lang die Fortpflanzung aussetzt.
Die Übertragung von der Hündin auf den Menschen trägt nicht weit: andere Art, anderes Geschlecht, andere Fragestellung, und die Autoren haben weder Leberwerte noch Blutfette berichtet. Was sie trägt, ist die Größenordnung der wirksamen Menge, und die ist bei diesem Stoff der Punkt, an dem die meisten Fehler passieren.
Für die Stoffklasse insgesamt beschreibt eine Übersichtsarbeit bei kurzfristiger Gabe Kraftzuwächse von etwa 5 bis 20 Prozent des Ausgangswerts und 2 bis 5 kg Körpergewicht, dazu erhöhten Blutdruck, gesenktes HDL-Cholesterin und eine Störung der eigenen Hormonbildung, die Monate nach dem Absetzen anhalten kann. Als häufigste selbst berichtete Wirkungen männlicher Athleten nennt sie gesteigerten Sexualtrieb, Akne, vermehrte Körperbehaarung und vermehrtes aggressives Verhalten.
Dosierung
- Es gibt keine Dosis für den Menschen. Weder eine geprüfte noch eine überlieferte aus einer ärztlichen Anwendung. Alle kursierenden Angaben sind Szenepraxis.
- Die Bezugsgröße ist Mikrogramm, nicht Milligramm. Bei der Hündin genügen 60 bis 200 Mikrogramm täglich für eine vollständige hormonelle Wirkung. Ein Fehler um den Faktor tausend ist bei einem so dosierten Stoff kein theoretisches Risiko, sondern der wahrscheinlichste Anwendungsfehler.
- Es gibt keinen SHBG-Puffer. Anders als Testosteron wird Mibolerone im Blut kaum gebunden; was gegeben wird, wirkt. Das erklärt die kleine Menge und die geringe Spanne zwischen wirksam und zu viel.
- Der Zweck ist eine Wirkung, die niemand gemessen hat. Wer den Stoff wegen des Aggressionsschubs nimmt, stützt sich auf Selbstauskünfte, und die einzige verblindete Untersuchung zu Androgenen und Aggression fand keine Zunahme aggressiven Verhaltens.
- Nicht neben ein zweites orales Steroid. Mibolerone ist an C17 methyliert wie Methandienon und Methasteron und greift damit an derselben Stelle in der Leber an.
- Für Frauen kommt der Stoff nicht in Frage. Bei der Hündin war die Klitorisvergrößerung dosisabhängig und trat regelmäßig auf. Beim Menschen bildet sich diese Veränderung nicht zurück.
Nebenwirkungen
Die eigene Achse
Was passiert: Ein zugeführtes Androgen fährt die HPTA-Achse herunter. Bei der Hündin legte Mibolerone den gesamten Sexualzyklus still, über bis zu zwei Jahre, und nach Absetzen war die Trächtigkeitsrate in einer der Gruppen verringert.
Wovon es abhängt: Von Dosis und Dauer. Für den Menschen gibt es keine Messung; für die Stoffklasse gilt, dass die Störung Monate nach dem Absetzen anhalten kann. Was folgt daraus: Ein Stoff, der in Mikrogrammmengen einen ganzen Zyklus aussetzt, ist kein Kandidat für die Annahme, eine kurze Anwendung bleibe folgenlos. Was man tun kann: Testosteron und LH vor Beginn und nach dem Absetzen bestimmen. Für den Wiederanlauf sind HCG und Clomifen die etablierten Mittel, beide verschreibungspflichtig.
Die gestagene Wirkung
Was passiert: Mibolerone bindet neben dem Androgen- auch den Progesteronrezeptor. Eine gestagene Teilwirkung kann Libido und Erektion stärker beeinträchtigen, als der Testosteron- oder Östradiolwert vermuten lässt, und zum Wachstum von Brustdrüsengewebe beitragen, ohne dass Östradiol beteiligt ist.
Wovon es abhängt: Von Dosis und Dauer. Gemessen ist die Bindung, nicht die Wirkung am Menschen, und die Bindungsmuster unterschieden sich zwischen den untersuchten Arten. Was folgt daraus: Wer diese Seite erwartet, deutet einen Libidoverlust bei normalem Östradiol richtig. Ein Aromatasehemmer greift daran nicht an. Was man tun kann: Bei Spannungsgefühl hinter der Brustwarze oder ausbleibender Erholung Testosteron, Östradiol und Prolaktin zusammen bestimmen lassen, bevor eine Ursache angenommen wird.
Leber
Was passiert: Die Methylgruppe an C17 stört bei den anderen oralen Steroiden den Abtransport der Gallensalze aus der Leberzelle; es entsteht ein Gallestau mit Gelbsucht und Juckreiz bei wenig Zelluntergang.
Wovon es abhängt: Von Dosis und Dauer. Für Mibolerone selbst liess sich weder ein Fallbericht noch eine Messung finden; die Zulassungsuntersuchung beim Hund hat die Leberwerte nicht berichtet. Was folgt daraus: Bei einem Stoff, der in Mikrogrammmengen wirkt, passiert eine sehr kleine absolute Menge die Leber, und darin unterscheidet er sich von den Substanzen, die in zweistelligen Milligrammmengen genommen werden. Als Entwarnung taugt das nicht, weil es nie geprüft wurde. Was man tun kann: Transaminasen, Bilirubin und alkalische Phosphatase vor Beginn und im Verlauf. Bei Gelbfärbung, dunklem Urin oder Juckreiz sofort absetzen.
Blutdruck, Blutfette und die Anwendungssituation
Was passiert: Für die Stoffklasse nennt eine Übersichtsarbeit erhöhten Blutdruck und ein gesenktes HDL-Cholesterin als die maßgeblichen Risikoveränderungen. Dazu kommt bei diesem Stoff die Besonderheit der Anwendung: Er wird unmittelbar vor einer maximalen Anstrengung genommen, also genau dann, wenn Blutdruck und Herzfrequenz ohnehin ihr Höchstes erreichen.
Wovon es abhängt: Von der Dosis und von der Belastung. Zu Mibolerone gibt es keine Messung. Was folgt daraus: Die zeitliche Zusammenlegung von Wirkstoff und Maximalbelastung ist bei keinem anderen Steroid dieser Kategorie so ausgeprägt, und sie ist der Teil des Gebrauchs, für den es am wenigsten Daten gibt. Was man tun kann: Blutdruck vor Beginn und im Verlauf messen, siehe kardiovaskuläre AAS-Risiken. Bei bekanntem Bluthochdruck oder einem Herzbefund ist die Kombination aus diesem Stoff und einem Maximalversuch die ungünstigste denkbare.
Einordnung
Mibolerone ist ein für Hunde zugelassenes Mittel zur Läufigkeitsunterdrückung, und der wichtigste Satz über seine Anwendung beim Menschen ist eine Zahl: Bei einer zehn Kilogramm schweren Hündin genügen 200 Mikrogramm täglich, um den Sexualzyklus über zwei Jahre stillzulegen. Wer sich an dieser Größenordnung orientiert, hat eine Vorstellung davon, womit er umgeht.
Über den Rezeptor ist mehr bekannt als über die meisten Stoffe dieser Kategorie, und das liegt daran, dass er als Messwerkzeug gedacht war. Er bindet den Androgenrezeptor mit hoher Affinität, nicht den Glukokortikoidrezeptor, sehr wohl den Progesteronrezeptor, und er wird im Blut kaum gebunden. Die letzten beiden Punkte erklären die gestagene Seite und die kleine wirksame Menge.
Der Grund, aus dem er genommen wird, ist zugleich der am schlechtesten belegte. Zum akuten Aggressions- und Antriebsschub gibt es keine Messung, und die beste verblindete Untersuchung zu Androgenen und Verhalten fand nach einer supraphysiologischen Testosterongabe nur geringe Stimmungsänderungen und keine Zunahme aggressiven Verhaltens. Wer eine Wirkung erwartet, die eine Verblindung nicht überstehen würde, sollte wissen, dass die Erwartung selbst ein Teil davon ist.
Was die Sache entscheiden würde, wäre bei diesem Stoff ausnahmsweise leicht zu bauen und ist trotzdem nie gebaut worden: derselbe Sportler, zwei Versuchstage, verblindet, mit Kraftmessung und standardisiertem Fragebogen. Bei einer Substanz, deren erwünschte Wirkung ausschließlich im Erleben stattfindet, ist die Verblindung nicht ein Detail des Versuchsaufbaus, sondern die ganze Frage.
Quellen
- Traish AM, Mueller RE, Wotiz HH. Binding of 7 alpha, 17 alpha-dimethyl-19-nortestosterone (mibolerone) to androgen and progesterone receptors in human and animal tissues. Endocrinology. 1986. PubMed
- Sokolowski JH, Geng S. Biological evaluation of mibolerone in the female Beagle. Am J Vet Res. 1977. PubMed
- O'Connor DB, Archer J, Wu FC. Effects of testosterone on mood, aggression, and sexual behavior in young men: a double-blind, placebo-controlled, cross-over study. J Clin Endocrinol Metab. 2004. PubMed
- Hartgens F, Kuipers H. Effects of androgenic-anabolic steroids in athletes. Sports Med. 2004. PubMed
Dieser Artikel wurde unter Einsatz von KI-Systemen erstellt. Mehr dazu