Epistane
Wirkstoff: Methylepitiostanol. Designersteroid mit Schwefelbrücke im Ring A, nicht aromatisierbar. Zur Wirkung am Muskel gibt es keine Messung, zur Leber vier Fälle mit vielfach erhöhtem Gallensäurespiegel und einen aufgeklärten Mechanismus: Es steigert die Gallensäureherstellung, statt den Abtransport zu hemmen.
Auch bekannt als: Epistane, Methylepitiostanol, Havoc, 2a,3a-Epithio-17a-methyl-5a-androstan-17b-ol
Was es ist
Epistane ist Methylepitiostanol, ein an C17 alkyliertes Testosteronderivat mit einer 2α,3α-Epithio-Brücke, also einem Schwefelatom, das zwei benachbarte Kohlenstoffe im Ring A überbrückt. Die Summenformel lautet C₂₀H₃₂OS; es ist das einzige gängige anabole Steroid mit Schwefel im Molekül.
Ein Arzneimittel war es nie. Verkauft wurde es als frei verkäufliches Präparat, üblicherweise unter der Bezeichnung „Prohormon“. Der Begriff trifft nicht zu: Ein Prohormon ist eine Vorstufe, die der Körper erst umbauen muss, und Epistane ist der fertige Wirkstoff. Die Bezeichnung diente dazu, ein orales anaboles Steroid im Regal für Nahrungsergänzung stehen zu lassen.
Dass in solchen Präparaten steht, was daraufsteht, ist dabei nicht selbstverständlich. Auch scheinbar hormonfreie Erzeugnisse wie Vitamin-, Mineralstoff- und Aminosäurepräparate enthielten in Untersuchungen anabole Steroide, die auf dem Etikett nicht angegeben waren, und in einem als Methylstenbolon deklarierten Produkt fand sich der Stoff zwar wie angegeben, aber die Nachweismethode musste erst dafür entwickelt werden.
Wie es wirkt
Was die Schwefelbrücke im Ring A bedeutet
Der Ring A trägt weder die Ketogruppe an Position 3 noch eine Doppelbindung zwischen C4 und C5, sondern eine Epithio-Brücke. Damit kann die Aromatase nichts anfangen: Aus Epistane entsteht kein Östradiol, es gibt keine östrogenbedingte Wassereinlagerung und keine Gynäkomastie durch den Stoff selbst. Der Ruf des trockenen Erscheinungsbildes hat darin seinen Grund.
Die weitergehende Aussage, Epistane wirke darüber hinaus antiöstrogen, also wie ein SERM am Brustgewebe, liess sich in der hier durchgesehenen Literatur nicht belegen. Sie geht vermutlich auf die Muttersubstanz Epitiostanol zurück, die in Japan beim Brustkrebs eingesetzt wurde. Für Epistane selbst gibt es dazu keine Messung, und praktisch ist der Unterschied bedeutsam: Ein Stoff, der kein Östrogen erzeugt, ist etwas anderes als einer, der bestehendes Östrogen blockiert.
Eine veröffentlichte Bindungsmessung von Epistane am Androgen-Rezeptor liess sich ebenfalls nicht finden. Dass der Stoff den Rezeptor aktiviert, ist dagegen belegt, und zwar an einer unerwarteten Stelle: in der Leberzelle.
Was die Studien zeigen
Zur Wirkung am Muskel gibt es nichts. Keine kontrollierte Untersuchung, keine Dosisfindung, keine Messung von Kraft oder Muskelmasse. Was es gibt, ist eine ungewöhnlich gründliche Arbeit zur Leberwirkung, und die ist für diesen Stoff wichtiger als jede Wirksamkeitszahl.
Vier Fälle und ein anderer Mechanismus
Eine spanische Arbeitsgruppe hat vier Menschen erfasst, die nach der Einnahme von Epistane eine lang anhaltende Cholestase entwickelten, und bei dreien das Gallensäureprofil bestimmt. Der Gallensäurepool im Blut war auf das 14- bis 61-fache erhöht, im Wesentlichen durch konjugierte Cholsäure, während die sekundären Gallensäuren sehr niedrig lagen.
Der interessante Teil ist der Mechanismus, denn er unterscheidet sich von dem der übrigen oralen Steroide. In kultivierten menschlichen Leberzellen steigerte Epistane schon bei 0,01 Mikromol die Ablesung der Schlüsselgene der Gallensäureherstellung: CYP7A1 um 65 Prozent und CYP8B1 um 67 Prozent. Zugleich stiegen die Gallensäuretransporter, darunter die Gallensalzexportpumpe, und die Aufnahme einer markierten Gallensäure in die Leberzelle nahm um 50 bis 70 Prozent zu. Bei 40 Mikromol aktivierte Epistane zusätzlich die Kernrezeptoren LXR und PXR.
Der entscheidende Schritt läuft über den Androgenrezeptor. Schon 0,01 Mikromol Epistane aktivierten ihn in der Leberzelle, und das führte zu mehr CYP8B1. In Proben einer menschlichen Leberbank war die Ablesung des Androgenrezeptors bei Männern positiv mit der von CYP8B1 verknüpft. Die Autoren schließen daraus, dass Epistane die Cholestase auslöst, indem es die Gallensäureherstellung ankurbelt und ihre Ansammlung in der Leberzelle begünstigt, zumindest teilweise über den Androgenrezeptor.
Das ist ein anderes Bild als bei Methasteron oder Methandienon, bei denen die Hemmung des Abtransports im Vordergrund steht. Hier wird nicht in erster Linie der Abfluss gedrosselt, sondern der Zufluss erhöht. Praktisch führt beides zum selben Krankheitsbild, gedanklich ist der Unterschied wichtig: Ein Stoff, der die Herstellung ankurbelt, lässt sich nicht dadurch entschärfen, dass man die Pumpe unterstützt.
Die Autoren bieten zugleich eine Erklärung dafür an, warum es manche trifft und andere nicht: Die Ausstattung mit Gallensäureenzymen und Transportern schwankt zwischen Menschen erheblich, und darin sehen sie den Grund für die Unberechenbarkeit dieser Leberschäden.
Wie das Krankheitsbild verläuft
Für die Stoffklasse liefert die prospektive Reihe des amerikanischen DILIN-Netzwerks den Rahmen: 44 Männer, im Mittel 33 Jahre alt, entwickelten im Mittel 73 Tage nach Beginn einen Leberschaden, alle mit Gelbsucht, 84 Prozent mit Juckreiz und 71 Prozent im Krankenhaus. Gestorben ist niemand, eine Lebertransplantation brauchte niemand, und in mehreren Präparaten fanden sich anabole Steroide, die nicht auf dem Etikett standen.
Was der Stoff im Muskel leistet, bleibt offen. Für die Stoffklasse insgesamt beschreibt eine Übersichtsarbeit bei kurzfristiger Gabe Kraftzuwächse von etwa 5 bis 20 Prozent des Ausgangswerts und 2 bis 5 kg Körpergewicht, dazu erhöhten Blutdruck und ein gesenktes HDL-Cholesterin.
Dosierung
- Es gibt keine geprüfte Dosis. Die üblichen 20 bis 40 mg täglich stammen von Etiketten und aus Foren.
- Die wirksame Konzentration in der Leberzelle ist sehr niedrig. Schon 0,01 Mikromol reichten aus, um den Androgenrezeptor zu aktivieren und die Gallensäureherstellung hochzufahren. Eine Dosis, die sich im Muskel bescheiden anfühlt, ist an der Leber keine kleine.
- Vier Wochen sind keine sichere Grenze. In der DILIN-Reihe vergingen bis zum Schaden im Mittel 73 Tage. Eine kurze Anwendung liegt innerhalb des Zeitraums, in dem noch nichts sichtbar ist.
- Ein Aromatasehemmer ist gegenstandslos. Aus Epistane entsteht kein Östradiol; ein Hemmer senkt nur das Östradiol aus anderen Quellen im Stack.
- Nicht neben ein zweites orales Steroid und nicht neben Alkohol. Beides greift an derselben Stelle an.
- Gemessen wird Bilirubin, nicht nur die Transaminasen. Der Gallestau läuft mit wenig Zelluntergang, weshalb die Transaminasen dabei nur mäßig steigen können.
Nebenwirkungen
Gallestau in der Leber
Was passiert: Epistane steigert die Herstellung der Gallensäuren und ihre Aufnahme in die Leberzelle; die Galle sammelt sich an, das Bilirubin steigt, die Haut wird gelb und juckt. Bei drei untersuchten Betroffenen war der Gallensäurepool im Blut auf das 14- bis 61-fache erhöht. Die Beschwerden hielten in allen vier Fällen lange an.
Wovon es abhängt: Von Dosis und Dauer, und von der persönlichen Ausstattung mit Gallensäureenzymen und Transportern, in der die Autoren den Grund für die Unberechenbarkeit sehen. In der DILIN-Reihe trugen bis zu 20 Prozent der Betroffenen eine Variante im Gen der Gallensalzpumpe. Was folgt daraus: Gemessen wird Bilirubin und alkalische Phosphatase, nicht nur die Transaminasen. Was man tun kann: Bei Gelbfärbung, dunklem Urin oder Juckreiz sofort absetzen und ärztlich abklären lassen. Für TUDCA gibt es bei diesem Krankheitsbild keine kontrollierte Studie, und bei diesem Stoff kommt ein weiterer Vorbehalt hinzu: Wenn die Gallensäureherstellung hochgefahren ist, ist es nicht ohne Weiteres plausibel, zusätzlich Gallensäure zuzuführen. Die einzige Maßnahme mit belegter Wirkung ist das Absetzen.
Die eigene Achse
Was passiert: Ein zugeführtes Androgen fährt die HPTA-Achse herunter, LH und FSH fallen. Da Epistane kein Östradiol liefert, fallen Androgen und Östrogen zugleich, siehe Östrogen.
Wovon es abhängt: Von Dosis und Dauer. Eine Messung von LH, FSH und Testosteron unter Epistane liess sich nicht finden; für die Stoffklasse gilt, dass die Störung Monate nach dem Absetzen anhalten kann. Was folgt daraus: Antriebslosigkeit, Libidoverlust und Gelenkbeschwerden nach dem Absetzen sind der erwartete Verlauf. Was man tun kann: Die Anwendung kurz halten und den Ausstieg planen. Für den Wiederanlauf sind HCG und Clomifen die etablierten Mittel, beide verschreibungspflichtig.
Blutfette und Blutdruck
Was passiert: Orale 17-alpha-alkylierte Steroide steigern in der Leber den Abbau der HDL-Partikel; das HDL fällt, das LDL steigt. Für die Stoffklasse nennt eine Übersichtsarbeit erhöhten Blutdruck und ein gesenktes HDL samt seiner Unterfraktionen als die maßgeblichen Risikoveränderungen.
Wovon es abhängt: Vom oralen Weg und von der Dosis. Zahlen speziell zu Epistane gibt es nicht; die Leberarbeit hat die Blutfette nicht als Endpunkt geführt. Was folgt daraus: Da kein Östradiol entsteht, fehlt zugleich der Anteil, der beim Mann günstig auf die Blutfette wirkt. Was man tun kann: Lipidprofil und Blutdruck vor Beginn und nach vier Wochen, siehe kardiovaskuläre AAS-Risiken.
Was wirklich in der Dose ist
Was passiert: Präparate dieser Art werden ohne arzneiliche Kontrolle hergestellt. Untersuchungen fanden in scheinbar hormonfreien Nahrungsergänzungsmitteln nicht deklarierte anabole Steroide, und in der DILIN-Reihe enthielten mehrere Präparate Steroide, die nicht auf dem Etikett standen.
Wovon es abhängt: Vom Hersteller und von der Charge. Was folgt daraus: Ein Stoff, den man nicht kennt, lässt sich nicht dosieren, und ein Zwischenfall lässt sich hinterher nicht zuordnen. Für getestete Sportler kommt hinzu, dass eine nicht deklarierte Beimischung eine positive Probe erzeugen kann, ohne dass der Anwender davon weiß. Was man tun kann: Die Packung aufbewahren, damit sich im Schadensfall nachträglich analysieren lässt, was drin war. Eine Prüfung vor der Einnahme steht dem Käufer nicht zur Verfügung.
Einordnung
Epistane ist ein Stoff, dessen Schadensseite besser aufgeklärt ist als die Wirkungsseite, und die Aufklärung ist bemerkenswert. Vier Menschen mit lang anhaltender Cholestase, ein auf das Vielfache erhöhter Gallensäurepool, und ein Mechanismus, der bis auf die Ebene einzelner Gene in menschlichen Leberzellen verfolgt wurde. Zur Wirkung auf Kraft oder Muskelmasse existiert dagegen keine einzige Messung.
Der Mechanismus unterscheidet diesen Stoff von den übrigen oralen Steroiden. Bei ihnen steht die Hemmung des Gallensalzabtransports im Vordergrund, hier die angekurbelte Herstellung, ausgelöst über den Androgenrezeptor in der Leberzelle selbst. Die dafür nötige Konzentration ist sehr niedrig, und dieselbe Arbeit erklärt auch, warum es nicht jeden trifft: Die Ausstattung mit Gallensäureenzymen schwankt zwischen Menschen erheblich.
Zwei Zuschreibungen des Handels halten nicht stand. Der Begriff „Prohormon“ ist falsch, denn der Stoff ist der fertige Wirkstoff. Und die antiöstrogene Wirkung, mit der er beworben wurde, liess sich für ihn selbst nicht belegen; was belegt ist, ist die schlichte Unmöglichkeit der Aromatisierung, und das ist etwas anderes.
Was die Sache entscheiden würde, wäre eine Messung an der anderen Seite der Waage: Kraft und Körperzusammensetzung unter einer üblichen Dosis über acht Wochen, mit Leberwerten daneben. Bei einem Stoff, dessen Leberwirkung bis auf die Genebene beschrieben ist und dessen Muskelwirkung niemand gemessen hat, lässt sich Nutzen gegen Schaden nicht abwägen, weil nur eine Seite eine Zahl hat.
Quellen
- Petrov PD et al. Epistane, an anabolic steroid used for recreational purposes, causes cholestasis with elevated levels of cholic acid conjugates, by upregulating bile acid synthesis (CYP8B1) and cross-talking with nuclear receptors in human hepatocytes. Arch Toxicol. 2020. PubMed
- Stolz A et al. Severe and protracted cholestasis in 44 young men taking bodybuilding supplements: assessment of genetic, clinical and chemical risk factors. Aliment Pharmacol Ther. 2019. PubMed
- Parr MK et al. Analytical strategies for the detection of non-labelled anabolic androgenic steroids in nutritional supplements. Food Addit Contam. 2004. PubMed
- Cavalcanti Gde A et al. Detection of designer steroid methylstenbolone in nutritional supplement using gas chromatography and tandem mass spectrometry: elucidation of its urinary metabolites. Steroids. 2013. PubMed
- Hartgens F, Kuipers H. Effects of androgenic-anabolic steroids in athletes. Sports Med. 2004. PubMed
Dieser Artikel wurde unter Einsatz von KI-Systemen erstellt. Mehr dazu