Clostebol

Wirkstoff: Clostebol. 4-Chlortestosteron, in Italien als Wundsalbe frei erhältlich und deshalb die häufigste Ursache unbeabsichtigter Dopingbefunde. Fünf Milligramm auf fremder Haut und ein flüchtiger Kontakt genügen für eine positive Probe. Als Aufbaumittel nie untersucht.

Auch bekannt als: 4-Chlortestosteron, Megagrisevit, Steranabol, Clostebolum

Wissen Bodybuilding Bible

Was es ist

Clostebol ist 4-Chlortestosteron: Testosteron mit einem Chloratom an Position 4. Die Summenformel lautet C₁₉H₂₇ClO₂. Verabreicht wird es meist als Acetat.

Anders als die meisten Stoffe dieser Kategorie ist Clostebol ein gängiges Arzneimittel, nur nicht als Aufbaumittel: In Italien und einigen anderen Ländern steht es als Salbe und Spray zur Wundbehandlung in jeder Apotheke, unter dem Namen Trofodermin. Genau diese breite Verfügbarkeit macht den Stoff zu dem, was er heute vor allem ist: der bestuntersuchte Fall unbeabsichtigter Dopingaufnahme.

Wie es wirkt

Was das Chloratom an C4 bewirkt

Es tut zweierlei. Erstens versperrt es die Aromatase, die den Ring A umbauen müsste; aus Clostebol entsteht kein Östradiol. Dasselbe Prinzip nutzt Turinabol, das ebenfalls ein Chloratom an dieser Stelle trägt.

Zweitens behindert es die 5-Alpha-Reduktase: Die Umwandlung, die aus Testosteron in Haut und Prostata das stärkere Dihydrotestosteron macht, ist durch das Chlor an C4 beeinträchtigt. Der Stoff wird also in genau den Geweben nicht verstärkt, in denen Testosteron es wird. Zusammen mit einer schwächeren Grundwirkung ergibt das das milde Profil, für das Clostebol bekannt ist.

Eine veröffentlichte Bindungsmessung von Clostebol am Androgen-Rezeptor liess sich in der hier durchgesehenen Literatur nicht finden. Warum manche Abkömmlinge im Muskel stärker wirken als an Haut und Prostata, gilt ohnehin als nicht restlos geklärt; eine Übersichtsarbeit führt es auf die gewebeabhängige Steuerung der Rezeptormenge und auf den Stoffwechsel innerhalb der Zelle zurück.

Was die Studien zeigen

Zur Wirkung als Aufbaumittel gibt es nichts. Keine kontrollierte Untersuchung, keine Dosisfindung, keine Messung von Kraft oder Muskelmasse. Was es reichlich gibt, betrifft eine andere Frage: wie wenig genügt, um in einer Dopingkontrolle aufzufallen.

Fünf Milligramm auf fremder Haut

Ein italienisches Dopinglabor hat die Frage experimentell geprüft, weil die Fälle sich häuften und die Betroffenen fast durchweg angaben, den Stoff nicht selbst genommen zu haben. Das Ergebnis: Nach einer einzelnen Anwendung von 5 mg Clostebolacetat auf der Haut und einem flüchtigen Kontakt mit der Anwendungsstelle lässt sich ein positiver Dopingbefund erzeugen.

Die Autoren haben zugleich geprüft, ob sich der Aufnahmeweg im Urin ablesen lässt. Er lässt sich nicht: Weder die durch das Chloratom beeinträchtigte 5-Alpha-Reduktase noch die Sulfotransferasen der Haut erlaubten eine klare Unterscheidung zwischen aufgetragen und geschluckt oder gespritzt.

Wie weit die Zahlen auseinanderliegen

Eine systematische Übersicht hat sieben Arbeiten mit insgesamt 32 Personen zusammengefasst. Der Leitmetabolit 4-Chlor-androst-4-en-3α-ol-17-on lag im Urin bei indirekter Aufnahme, also bloßem Kontakt, im Mittel bei 0,5 Nanogramm je Milliliter, bei direkter Anwendung bei 8,1 Nanogramm je Milliliter. Der Unterschied war statistisch gesichert.

Selbst aufgetragen oder mitbekommen
Leitmetabolit von Clostebol im Urin, 32 Personen aus sieben Untersuchungen, Mittelwerte der Mediane
direkter Kontakt direkter Kontakt: Median 8,1 Nanogramm je Milliliter, Streubereich 1,0 bis 36,6 indirekter Kontakt indirekter Kontakt: Median 0,5 Nanogramm je Milliliter, Streubereich 0,086 bis 4,0 8,1 ng/ml 0,5 ng/ml 0 2 4 6 8 10 4-Chlor-androst-4-en-3α-ol-17-on im Urin, Nanogramm je Milliliter
Der Unterschied zwischen eigener Anwendung und bloßem Kontakt ist etwa sechzehnfach und statistisch gesichert. Die Streubereiche überlappen trotzdem: 4,0 bei indirektem Kontakt gegen 1,0 bei direktem. Eine einzelne Messung lässt sich damit nicht sicher zuordnen.

Die Streubereiche überlappen dabei: bis 4,0 Nanogramm je Milliliter bei indirektem Kontakt gegen ab 1,0 bei direktem. Für den einzelnen Fall heißt das, dass sich aus einem Messwert allein keine sichere Zuordnung ableiten lässt. Für die Größenordnung heißt es, dass eine Verunreinigung typischerweise deutlich niedrigere Werte erzeugt als eine eigene Anwendung. Beides zusammen ist der Grund, warum solche Fälle vor Gericht landen.

Was der Stoff als Aufbaumittel leistet, bleibt damit offen. Für die Stoffklasse insgesamt beschreibt eine Übersichtsarbeit bei kurzfristiger Gabe Kraftzuwächse von etwa 5 bis 20 Prozent des Ausgangswerts und 2 bis 5 kg Körpergewicht; Clostebol gilt innerhalb dieser Klasse als schwach, ohne dass das gemessen wäre.

Dosierung

  • Es gibt keine geprüfte Dosis für den Aufbau. Die arzneiliche Anwendung ist eine Salbe auf eine Wunde, und die dabei aufgenommene Menge ist so klein, dass sie nur analytisch auffällt.
  • Für getestete Sportler ist schon der Kontakt das Problem. Fünf Milligramm auf fremder Haut und ein flüchtiger Kontakt genügen für einen positiven Befund. Wer in einem getesteten Sport antritt, muss wissen, ob im Haushalt jemand eine solche Salbe benutzt.
  • Die Wundsalbe ist kein Aufbaumittel im Kleinformat. Wer sie großflächig aufträgt, um eine Wirkung zu erzielen, verlässt den Bereich, für den das Präparat gedacht und untersucht ist, vollständig.
  • Ein Aromatasehemmer hat hier keinen Angriffspunkt. Aus Clostebol entsteht kein Östradiol; er senkt nur das Östradiol aus anderen Quellen im Stack.
  • Ausgangswerte vor der ersten Anwendung. Bei einer Anwendung in aufbauender Absicht gelten dieselben Werte wie bei jedem anderen Androgen: Blutdruck, Lipidprofil, Hämatokrit, Testosteron und LH.

Nebenwirkungen

Die eigene Achse

Was passiert: Ein zugeführtes Androgen fährt die HPTA-Achse herunter, LH und FSH fallen. Da Clostebol kein Östradiol liefert, fallen Androgen und Östrogen zugleich, wenn nichts anderes danebensteht.

Wovon es abhängt: Von Dosis und Dauer. Eine Messung von LH, FSH und Testosteron unter Clostebol liess sich nicht finden; für die Stoffklasse gilt, dass die Störung Monate nach dem Absetzen anhalten kann. Was folgt daraus: Bei der arzneilichen Anwendung als Wundsalbe ist die aufgenommene Menge so klein, dass eine Unterdrückung nicht zu erwarten ist; bei einer Anwendung in aufbauender Absicht gilt das nicht mehr. Was man tun kann: Testosteron und LH vor Beginn und nach dem Absetzen bestimmen. Für den Wiederanlauf sind HCG und Clomifen die etablierten Mittel.

Blutfette und Blutdruck

Was passiert: Für die Stoffklasse nennt eine Übersichtsarbeit erhöhten Blutdruck und ein gesenktes HDL-Cholesterin samt seiner Unterfraktionen als die maßgeblichen Risikoveränderungen. Da Clostebol nicht aromatisiert, fehlt zugleich das Östradiol, das beim Mann günstig auf die Blutfette wirkt.

Wovon es abhängt: Von Dosis und Aufnahmeweg. Zahlen speziell zu Clostebol liess sich in der durchgesehenen Literatur keine finden. Was folgt daraus: Der gespritzte oder aufgetragene Weg umgeht die erste Leberpassage und ist damit für die Blutfette voraussichtlich günstiger als ein geschlucktes alkyliertes Steroid; belegt ist das für diesen Stoff nicht. Was man tun kann: Lipidprofil und Blutdruck vor Beginn und nach vier Wochen, siehe kardiovaskuläre AAS-Risiken.

Haut und Haar

Was passiert: Androgene wirken an Talgdrüse und Haarfollikel. Bei Clostebol ist die Umwandlung in das stärkere Dihydrotestosteron durch das Chloratom an C4 beeinträchtigt, weshalb Akne und Haarausfall schwächer ausfallen sollten als unter Testosteron.

Wovon es abhängt: Von der Veranlagung und von der Dosis. Die Erwartung folgt aus dem Stoffwechselbefund und ist als Nebenwirkungshäufigkeit nicht gemessen. Was folgt daraus: Bei der arzneilichen Anwendung als Salbe ist mit androgenen Wirkungen nicht zu rechnen; bei großflächiger oder gespritzter Anwendung schon. Was man tun kann: Ein Hemmer der 5-Alpha-Reduktase hilft hier wenig, weil die Umwandlung ohnehin behindert ist. Es bleiben örtliche Mittel und die Dosis.

Der unbeabsichtigte positive Befund

Was passiert: Das ist bei diesem Stoff die Nebenwirkung mit den größten Folgen, und sie trifft Menschen, die ihn gar nicht genommen haben. Eine einzelne Anwendung von 5 mg auf fremder Haut und ein flüchtiger Kontakt genügen für einen positiven Dopingbefund. Der Aufnahmeweg lässt sich im Urin nicht sicher ablesen.

Wovon es abhängt: Von der Nähe zum Anwender und vom Zeitpunkt. Bei indirektem Kontakt lagen die Werte im Mittel etwa sechzehnfach niedriger als bei eigener Anwendung, mit überlappenden Streubereichen. Was folgt daraus: Ein niedriger Wert spricht für eine Verunreinigung, beweist sie aber nicht, und ein hoher schließt sie nicht vollständig aus. Was man tun kann: Wer getestet wird, sollte wissen, welche Präparate im Haushalt und in der Kabine benutzt werden, und im Zweifel den Kontakt zu behandelter Haut meiden. Nach einem Befund ist die gemessene Konzentration die wichtigste Einzelinformation und gehört in jede Stellungnahme.

Einordnung

Clostebol ist der Stoff, bei dem die interessante Frage nicht lautet, was er bewirkt, sondern wie wenig davon genügt, um Ärger zu machen. Als Aufbaumittel gibt es zu ihm keine einzige Untersuchung, und er gilt innerhalb der Stoffklasse als schwach. Als frei erhältliche Wundsalbe ist er dagegen so verbreitet, dass er zur häufigsten Ursache unbeabsichtigter Dopingbefunde geworden ist.

Die Zahlen dazu sind ungewöhnlich gut. Fünf Milligramm auf fremder Haut und ein flüchtiger Kontakt reichen aus. Bei bloßem Kontakt liegt der Leitmetabolit im Mittel bei 0,5 Nanogramm je Milliliter, bei eigener Anwendung bei 8,1, und die Streubereiche überlappen. Das ist genau die Konstellation, aus der Streitfälle entstehen: ein deutlicher Unterschied im Mittel und keine Trennschärfe im Einzelfall.

Für den Kraftsport folgt daraus wenig Nutzen und ein konkretes Risiko. Wer nicht getestet wird, hat keinen Grund, einen schwachen Stoff ohne jede Wirksamkeitsdaten zu wählen. Wer getestet wird, hat einen Grund, die Medikamentenschränke seiner Umgebung zu kennen.

Was fehlt, ist ausgerechnet das, wonach die Sportgerichte verlangen: ein Merkmal im Urin, das den Aufnahmeweg verrät. Die Autoren der experimentellen Arbeit haben gezielt danach gesucht und weder in den Abbauwegen noch in den Sulfatverbindungen der Haut eines gefunden. Solange das so bleibt, entscheidet über solche Fälle die Höhe eines einzelnen Messwerts, und die überlappt zwischen Schuld und Zufall.

Quellen

  1. de la Torre X et al. Detection of clostebol in sports: Accidental doping? Drug Test Anal. 2020. PubMed
  2. Menditto VG et al. Clostebol detection after transdermal and transmucosal contact. A systematic review. Clin Chem Lab Med. 2025. PubMed
  3. Hartgens F, Kuipers H. Effects of androgenic-anabolic steroids in athletes. Sports Med. 2004. PubMed
  4. Kicman AT. Pharmacology of anabolic steroids. Br J Pharmacol. 2008. PubMed

Dieser Artikel wurde unter Einsatz von KI-Systemen erstellt. Mehr dazu