Psyche & Sucht
Was Forschung zu Muskeldysmorphie, Körperbild, anabol-androgenen Steroiden (AAS) und Entzugssymptomen zeigt und wo Diagnostik und Behandlungsevidenz Grenzen haben.
Auch bekannt als: Muskeldysmorphie, Bigorexie, Body Image, AAS-Abhängigkeit, Mental Health
Was Muskeldysmorphie bezeichnet
Muskeldysmorphie wird in der Forschung als klinisch relevante Symptompräsentation untersucht. Eine systematische Übersicht und Metaanalyse von 40 Publikationen fand dafür vorläufige Unterstützung. Eine Clusteranalyse unterschied eine verhaltensbezogene und eine kognitive beziehungsweise kognitiv-verhaltensbezogene Präsentation.
Offen bleibt, ob diese Symptompräsentation am besten als Spezifikator der körperdysmorphen Störung, englisch Body Dysmorphic Disorder (BDD), oder als eigenständige psychiatrische Störung einzuordnen ist. Ein erhöhter Symptomwert ist deshalb nicht automatisch eine klinische Diagnose. Die Literatur liefert außerdem keine belastbare Prävalenz für die gesamte Bodybuildingpopulation.
Welche Körperbild-Befunde bei Bodybuildern vorliegen
Eine systematische Übersicht und Metaanalyse von 31 überwiegend beobachtenden Studien mit insgesamt 5.880 Teilnehmenden, davon etwa 90 % Männer, fand bei Bodybuildern höhere Muskeldysmorphie-Symptomwerte als bei nicht wettkampforientierten Kraftsportlern. Wettkampf-Bodybuilder lagen ebenfalls über nicht wettkampforientierten Bodybuildern. Die gepoolten Effektgrößen auf verschiedenen Muskeldysmorphie-Subskalen lagen bei 0,53 bis 1,12; für den Vergleich nach Wettkampfstatus wurde eine Effektgröße von 1,21 mit einem 95%-Konfidenzintervall von 0,82 bis 1,60 berichtet.
In den Teilstichproben waren Muskeldysmorphie-Symptome mit Angst, sozialer Körperbildangst, Depression, Neurotizismus und Perfektionismus verbunden. Die berichteten Korrelationen lagen bei Angst bei r = 0,32 bis 0,42, bei sozialer Körperbildangst bei r = 0,26 bis 0,75, bei Depression bei r = 0,23 bis 0,53, bei Neurotizismus bei r = 0,38 und bei Perfektionismus bei r = 0,35. Selbstkonzept und Selbstwert waren negativ assoziiert, mit r = −0,32 bis −0,36 beziehungsweise r = −0,42 bis −0,47. Das sind Zusammenhänge, keine Belege für Ursache oder Richtung.
Die Studienqualität war überwiegend schlecht bis mäßig, acht verschiedene Erhebungsinstrumente wurden verwendet. Die Übersicht klärt weder die Kausalrichtung noch eine belastbare Prävalenz für alle Bodybuilder. Der hohe Männeranteil begrenzt außerdem die Übertragbarkeit auf andere Populationen.
Was kontrollierte Studien zu anabol-androgenen Steroiden (AAS) über Aggression zeigen
Eine systematische Übersicht und Metaanalyse von 12 randomisierten Studien mit 562 gesunden Männern fand nach Ausschluss eines Ausreißers einen kleinen Anstieg selbstberichteter Aggression. Der Effekt betrug Hedges g = 0,171 mit einem 95%-Konfidenzintervall von 0,029 bis 0,312 bei k = 11. In der Analyse einer akuten Gabe lag g bei 0,291 mit einem 95%-Konfidenzintervall von 0,014 bis 0,524.
Der Befund bezieht sich auf einen psychometrischen Selbstbericht in experimentellen Situationen. Er ist kein Beleg dafür, dass AAS bei allen Nutzern Gewalt oder ausgeprägte Aggression auslösen. In Fremdbeurteilungen sowie in Subanalysen mit Dosen über 500 mg und längerer Verabreichung wurde der Effekt nicht repliziert. Die Studien umfassten akute Expositionen und Zeiträume von 3 Tagen bis 14 Wochen; die Übertragbarkeit auf reale Mehrfachzyklen und vulnerable Personen ist daher begrenzt.
Was beim Absetzen auftreten kann
Eine systematische Übersicht klinischer Studien zu Männern mit nicht medizinisch indiziertem AAS-Gebrauch und Absetzversuchen berichtet unter anderem folgende Beschwerden:
- Müdigkeit, Muskelschmerz, Unruhe und Schlaflosigkeit
- gedrückte Stimmung, Libidoverlust und Appetitlosigkeit
- Suizidgedanken, Körperbildunzufriedenheit und Steroidverlangen
Die Studien sind heterogen und liefern keine einheitlichen Prävalenzen oder Kausalnachweise für einzelne Symptome. Die verdeckte und illegale Natur des Konsums erschwert außerdem eine robuste Charakterisierung des Entzugssyndroms in einer einzelnen Studie.
Eine klinische Übersichtsarbeit beschreibt chronisches AAS-Absetzen als mit einem Entzugssyndrom aus Angst und Depression verbunden. Die Unterdrückung der Hypothalamus-Hypophysen-Testes-Achse, kurz HPT-Achse, wird als schädliche Wirkung beschrieben. Bei Männern mit weniger als einem Jahr Nutzung wird eine typische Erholung der HPT-Achse innerhalb eines Jahres genannt. Das ist eine typische, keine universelle Prognose, und belegt keine direkte Kausalkette vom Hormonabfall zur Depression.
Die verfügbare Literatur erlaubt daher nicht die Aussage, dass direkt nach dem Absetzen für alle Nutzer eine universell gefährlichste Phase besteht. Suizidgedanken werden berichtet, aber ein prospektiver zeitlicher Verlauf oder ein kausaler Zusammenhang wurden nicht belastbar untersucht.
Was sich zur AAS-Abhängigkeit ableiten lässt
Steroidverlangen ist im Zusammenhang mit dem Absetzen dokumentiert. Die klinische Übersicht beschreibt außerdem, dass belastende Entzugssymptome einen Rückfall in den Konsum begünstigen können. Steroidverlangen allein ist jedoch kein Beweis für eine Abhängigkeit bei einer bestimmten Person.
Die klinischen Übersichten liefern keine einheitliche Syndromdefinition und keine repräsentative Prävalenz für AAS-Abhängigkeit. Für Toleranz und Weiterkonsum trotz Schäden ist in der verfügbaren klinischen Literatur keine belastbare Prüfung als allgemeingültiger Merkmale über reale Nutzerpopulationen hinweg ausgewiesen. Ein individuelles Abhängigkeitsrisiko lässt sich daher nicht aus Bodybuilderstatus, Trainingsumfang oder einem einzelnen Symptom berechnen.
Wann medizinische oder psychologische Abklärung sinnvoll ist
Bei gedrückter Stimmung, Angst, Schlaflosigkeit, Libidoverlust, ausgeprägter Körperbildbelastung, Steroidverlangen oder Suizidgedanken im Zusammenhang mit dem Absetzen ist eine medizinische und psychologische Abklärung eine begründete Sicherheitsentscheidung. Solche Beschwerden sind nicht automatisch eine Diagnose.
Allgemeine Sicherheitsinformation: Bei akuten Suizidgedanken sollte sofort medizinische Hilfe gesucht werden.
Die Evidenz für eine sichere und wirksame Behandlung von AAS-Absetzen und Entzug ist schwach. Daraus ergibt sich weder ein standardisiertes Erfolgsversprechen noch eine allgemeine Empfehlung für ein bestimmtes Medikament oder ein selbst angewendetes Absetzschema.
Grenzen und offene Fragen
Die zentrale Körperbildliteratur ist überwiegend beobachtend und heterogen. Sie zeigt Zusammenhänge, aber keine longitudinale Kausalkette von Muskeldysmorphie über funktionelle Beeinträchtigung bis zum AAS-Konsum.
Eine direkte humane Kausalkette vom Abfall der HPT-Achse zu Depression oder Rückfall ist nicht belegt. Ebenso sind direkte humane Belege dafür, dass Veränderungen von GABA oder Serotonin Stimmung oder AAS-Abhängigkeit verursachen, in den ausgewerteten klinischen Übersichten nicht ausgewiesen.
Repräsentative Prävalenzdaten für die gesamte Bodybuildingpopulation sowie belastbare Daten für Frauen und andere Geschlechter fehlen. Auch Moderatoren wie vorbestehende Psychopathologie, konkrete AAS-Kombinationen, Applikationsweg, Dosis, Nutzungsdauer, Alter und Geschlecht sind in realen Nutzerpopulationen unzureichend untersucht.
Zur Häufigkeit der Kombination von AAS mit Ephedrin, Fatburnern oder Pre-Workouts sowie zu AAS-spezifischen randomisierten Studien über Psychotherapie, Pharmakotherapie, Rückfallprävention und sicheren Entzug ist die Evidenz nicht belastbar ausgewiesen.
Die belastbare Schlussfolgerung bleibt deshalb begrenzt: Bei Bodybuildern wurden höhere Muskeldysmorphie-Symptomwerte und psychologische Zusammenhänge beobachtet, kontrollierte AAS-Studien fanden einen kleinen selbstberichteten Aggressionseffekt, und Entzugssymptome sind klinisch beschrieben. Daraus folgen weder eine allgemeine Diagnose noch eine individuelle Prognose, eine universell gefährlichste Absetzphase oder eine pauschale Aussage über Aggression.
Quellen
- Mitchell L et al. Muscle Dysmorphia Symptomatology and Associated Psychological Features in Bodybuilders and Non-Bodybuilder Resistance Trainers: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports Med. 2017. PubMed
- Cooper M et al. Muscle dysmorphia: A systematic and meta-analytic review of the literature to assess diagnostic validity. Int J Eat Disord. 2020. PubMed
- Chegeni R et al. Anabolic-androgenic steroid administration increases self-reported aggression in healthy males: a systematic review and meta-analysis of experimental studies. Psychopharmacology (Berl). 2021. PubMed
- Sharma A et al. Common symptoms associated with usage and cessation of anabolic androgenic steroids in men. Best Pract Res Clin Endocrinol Metab. 2022. PubMed
- Anawalt BD. Diagnosis and Management of Anabolic Androgenic Steroid Use. J Clin Endocrinol Metab. 2019. PubMed
Dieser Artikel wurde unter Einsatz von KI-Systemen erstellt. Mehr dazu