Hämatokrit
Ein Verhältnis, dessen Nenner sich schneller bewegt als sein Zähler. Haltung, Flüssigkeit und die letzte Trainingseinheit verschieben ihn in derselben Größenordnung, in der die Entscheidungen getroffen werden. Deshalb schlägt der Verlauf unter gleichen Bedingungen jeden Einzelwert.
Was gemessen wird
Der Hämatokrit gibt an, welchen Anteil am Blutvolumen die Zellen einnehmen, praktisch also die roten Blutkörperchen. Er ist damit ein Verhältnis, und ein Verhältnis hat zwei Seiten: oben die Zellen, unten das gesamte Blut. Was den Wert bewegt, kann von beiden Seiten kommen, und im Alltag kommt es öfter von unten als von oben.
Woraus Blut besteht und wie der Sauerstofftransport funktioniert, steht unter Blut. Dort stehen auch die Zahlen dazu, wie häufig der Wert unter einer Testosteronbehandlung steigt und was das für Herz und Gefäße bedeutet. Der Messwert selbst hat eine eigene Tücke, und die ist der Gegenstand des Folgenden.
Referenzbereich
- Männer etwa 40 bis 52 Prozent
- Frauen etwa 36 bis 48 Prozent
Konventionen der Labormedizin, keine Studienbefunde. Sie unterscheiden sich je nach Messmethode, maßgeblich ist der Bereich auf dem eigenen Befund.
Warum dieselbe Person verschiedene Werte hat
Die Zahl der roten Blutkörperchen ändert sich über Wochen, das Plasmavolumen über Stunden. Ein Hämatokrit, der ohne Vorbereitung abgenommen wird, misst deshalb zum Teil etwas anderes als das, wofür man ihn abnimmt.
Die Körperhaltung
Der Wechsel zwischen Liegen und Stehen verschiebt Flüssigkeit zwischen Blutbahn und Gewebe und verändert dadurch Plasmavolumen, Hämatokrit, Hämoglobin und Plasmaproteine. Deutlich fielen diese Verschiebungen in der untersuchten Gruppe mit Erkrankungen aus, bei den Vergleichspersonen geringer. Die Arbeit empfiehlt daraus, die Bedingungen vor der Blutentnahme zu vereinheitlichen.
Das Training, und zwar in beide Richtungen
Eine systematische Übersicht über die Veränderungen des Plasmavolumens hält zwei gegenläufige Effekte fest. Akute Belastung senkte das Plasmavolumen bei Trainierten wie Untrainierten um 7 bis 19,9 Prozent, und zwar in allen eingeschlossenen Arbeiten. Langfristiges Training hob es bei Untrainierten um 6,6 bis 16 Prozent; bei Trainierten waren die Ergebnisse uneinheitlich.
Kurz danach kehrt sich der akute Effekt um. In den 24 Stunden nach einer Einheit stieg das Plasmavolumen in einer Untersuchung an zehn Personen um 7,3 Prozent nach Laufbandtraining und um 6,3 Prozent nach dem Fahrradergometer; nach Intervallen fiel der Anstieg mit 4,2 bis 6,6 Prozent ähnlich aus.
Gemessen wurde in diesen Arbeiten das Plasmavolumen, nicht der Hämatokrit. Weil er ein Anteil am Gesamtblut ist, folgt aus einem kleineren Plasmavolumen ein höherer und aus einem größeren ein niedrigerer Wert; die Rechnung ist naheliegend, gemessen ist sie dort nicht.
Zur Richtung passt eine Beobachtung an Ausdauersportlern: die mittleren Hämoglobinwerte lagen in allen Gruppen im Normbereich und unterschieden sich nicht zwischen Sportlern und Vergleichspersonen, und die niedrigeren Werte wurden dort als Verdünnung durch ein erweitertes Plasmavolumen gedeutet. Ein Mangel an roten Blutkörperchen muss einem niedrigen Wert also nicht zugrunde liegen.
Die Flüssigkeit
Derselbe Mechanismus in die andere Richtung: wer dehydriert zur Abnahme kommt, hat weniger Plasma und damit einen höheren Anteil Zellen daran. Das ist die gängige Erklärung und folgt aus dem Aufbau des Werts; eine Untersuchung, die den Effekt bei Kraftsportlern beziffert, ist in den hier herangezogenen Arbeiten nicht enthalten.
Was ihn wirklich hebt
Eine Testosteronbehandlung, und das zuverlässig. Eine Übersichtsarbeit zu den hämatologischen Wirkungen der Androgene nennt die Erythrozytose eine der häufigsten Nebenwirkungen einer Testosteronbehandlung, mit einem relativen Risiko von 8,14 gegenüber Kontrollen. Eine zweite Übersicht beziffert das Risiko für einen Hämatokrit über 52 Prozent als um 315 Prozent erhöht, also etwa vierfach, und hält fest, dass alle Darreichungsformen Hämoglobin und Hämatokrit heben, die injizierbaren am stärksten.
Dazu passt eine Beobachtung an 69 Männern unter Testosteronundecanoat: bei 21 von ihnen waren Hämoglobin, Hämatokrit oder Erythrozyten erhöht, eine echte Vermehrung der roten Blutkörperchen lag nur bei einem kleinen Teil vor, und Thrombosen traten bei keinem der Betroffenen auf.
- Die Darreichungsform zählt. Injizierbare Formen heben den Wert am stärksten. Bei Testosteronundecanoat lag das mediane optimale Injektionsintervall in einer Beobachtung an 325 Behandelten bei 12 Wochen, mit erheblicher Streuung zwischen den Personen.
- Schlafapnoe steht daneben, nicht darunter. In einem sehr kleinen Versuch an fünf hypogonadalen Männern senkte Testosteron den hypoxischen Atemantrieb von 158 auf 88; bei einem trat eine obstruktive Schlafapnoe neu auf, bei einem weiteren verschlechterte sie sich. Einen Hämatokritbefund berichtet die Arbeit nicht; der Weg über eine nächtliche Sauerstoffnot zum höheren Wert ist damit nahegelegt und nicht gezeigt.
- Höhe und Rauchen gelten ebenfalls als Ursachen. Belegt ist das in den hier herangezogenen Arbeiten nicht.
Die Schwellen und was sie tragen
Die Zahl, die im Umlauf ist, lautet 54 Prozent. Sie stammt aus einer klinischen Handreichung zum Umgang mit der Erythrozytose unter Testosteronbehandlung, die ab diesem Wert empfiehlt, die Behandlung zu reduzieren oder auszusetzen, bis sich der Wert normalisiert. Die Leitlinie der Endocrine Society führt den Hämatokrit entsprechend als einen der Werte, die während der Behandlung überwacht werden.
Dass der Hämatokritwert selbst das Thromboserisiko bestimmt, ist damit nicht gesagt, und es ist umstritten. Eine Übersicht zur nicht JAK2-mutierten Erythrozytose hält fest, dass die geltenden Empfehlungen nicht durch harte Evidenz gestützt sind, dass von einer wahllosen Aderlassbehandlung abzuraten ist und dass Thrombosebefürchtungen in diesem Zusammenhang teils unbegründet sind. Die 54 ist damit eine Handlungsschwelle und keine gemessene Risikogrenze. Die Gegenüberstellung der Argumente steht unter Blut.
Wie man misst, damit die Zahl etwas bedeutet
- Immer unter denselben Bedingungen. Gleiche Tageszeit, gleiche Körperhaltung, ein paar Minuten sitzen vor der Abnahme. Die Empfehlung, die Bedingungen vor der Abnahme zu vereinheitlichen, steht schon in der Arbeit, die die Haltungseffekte beschrieb.
- Normal getrunken. Wer ausgetrocknet zur Abnahme kommt, misst sein Plasmavolumen und nicht seine roten Blutkörperchen.
- Nicht direkt nach dem Training und nicht am Tag danach. Beide Zeitpunkte liegen in einer Phase, in der sich das Plasmavolumen bewegt, und zwar in entgegengesetzte Richtungen.
- Der Verlauf schlägt den Einzelwert. Ein Wert von 53 Prozent sagt für sich wenig; drei Werte über sechs Monate, unter gleichen Bedingungen abgenommen, sagen viel.
- Zusammen mit Hämoglobin und Erythrozyten lesen. Bewegen sich alle drei gleichsinnig, liegt eine Veränderung der roten Reihe näher; bewegt sich der Hämatokrit allein, eher das Plasma. Als geprüfte Entscheidungsregel ist das nicht belegt, und ein Volumeneffekt verschiebt Hämoglobin und Hämatokrit ohnehin gemeinsam.
Einordnung
Der Hämatokrit hat unter einer Testosteronbehandlung zu Recht den Ruf des Werts, den man im Auge behält: er steigt dort zuverlässig. Was ihm fehlt, ist Verlässlichkeit im Einzelwert. Er ist ein Verhältnis, dessen Nenner sich mit Haltung, Flüssigkeit und der letzten Trainingseinheit verschiebt, und in der Größenordnung dieser Verschiebungen liegt genau der Bereich, in dem man Entscheidungen trifft.
Daraus folgt weniger, als man denkt, und etwas anderes. Weniger: eine einzelne 53 ist kein Befund. Anderes: mehrere Messungen unter gleichen Bedingungen tragen mehr als eine einzelne, und das kostet nichts außer Planung.
Offen bleibt der Kern der Frage. Wie stark eine Dehydratation den Wert bei einem Kraftsportler tatsächlich hebt, ist in den hier herangezogenen Arbeiten nicht beziffert, und ob der Hämatokritwert selbst das Thromboserisiko trägt oder nur mit ihm einhergeht, ist ungeklärt. Beides betrifft ausgerechnet die Zahl, an der die Entscheidung hängt.
Quellen
- Fawcett JK, Wynn V. Effects of posture on plasma volume and some blood constituents. J Clin Pathol. 1960. PubMed
- Zouhal H et al. The Effects of Exercise Training on Plasma Volume Variations: A Systematic Review. Int J Sports Med. 2023. PubMed
- Nelson WB et al. The influence of exercise volume and posture on exercise-induced plasma volume expansion. Physiol Rep. 2023. PubMed
- Weight LM et al. 'Sports anemia' - a real or apparent phenomenon in endurance-trained athletes? Int J Sports Med. 1992. PubMed
- Warren AM, Grossmann M. Haematological actions of androgens. Best Pract Res Clin Endocrinol Metab. 2022. PubMed
- Jones SD Jr et al. Erythrocytosis and Polycythemia Secondary to Testosterone Replacement Therapy in the Aging Male. Sex Med Rev. 2015. PubMed
- Porat AT et al. Erythrocytosis in Gender-Affirming Care With Testosterone. Ann Fam Med. 2023. PubMed
- Levcikova M et al. Testosterone replacement therapy (TRT) and its effect on bone marrow. How serious is it and is there a true polyglobulia? Bratisl Lek Listy. 2017. PubMed
- Shankara Narayana N et al. Optimal injection interval for testosterone undecanoate treatment of hypogonadal and transgender men. Endocr Connect. 2021. PubMed
- Matsumoto AM et al. Testosterone replacement in hypogonadal men: effects on obstructive sleep apnoea, respiratory drives, and sleep. Clin Endocrinol (Oxf). 1985. PubMed
- Agrawal P, Singh SM, Kohn T. Management of Erythrocytosis in Men Receiving Testosterone Therapy: Clinical Consultation Guide. Eur Urol Focus. 2023. PubMed
- Bhasin S et al. Testosterone Therapy in Men With Hypogonadism: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2018. PubMed
- Gangat N et al. JAK2 unmutated erythrocytosis: 2023 Update on diagnosis and management. Am J Hematol. 2023. PubMed
Dieser Artikel wurde unter Einsatz von KI-Systemen erstellt. Mehr dazu