Agmatin
Decarboxyliertes Arginin, als Pump-Verstärker in Pre-Workouts verkauft. Bindet an mehreren Rezeptoren und hemmt dabei die Stickstoffmonoxid-Synthase, also das Gegenteil der Verkaufsaussage. Zu Kraft, Muskelaufbau und Durchblutung am Menschen gibt es keine kontrollierte Studie.
Auch bekannt als: Agmatin, Agmatine, Agmatinsulfat, Decarboxyliertes Arginin
Was es ist
Agmatin ist decarboxyliertes Arginin: Die Arginin-Decarboxylase spaltet die Carboxylgruppe ab, übrig bleibt ein kurzes Diamin mit einer stark basischen Guanidingruppe am Ende. Diese Guanidingruppe ist der Grund für fast alles, was folgt. Sie ist bei Körper-pH vollständig protoniert, also dauerhaft positiv geladen, und dadurch verhält sich Agmatin im Körper wie ein Polyamin und nicht wie eine Aminosäure. Es bindet an geladene Stellen von Rezeptoren und Ionenkanälen, und es durchquert Membranen nicht so bereitwillig wie ein ungeladenes Molekül. Welche Transporter es tatsächlich bewegen, ist nur in Teilen bekannt.
Im Handel steht es als Agmatinsulfat in Pre-Workout-Mischungen, meist mit dem Versprechen eines stärkeren Pumps über Stickstoffmonoxid.
Wie es wirkt
Rezeptoren und Kanäle
Agmatin bindet an alpha-2-Adrenozeptoren und an Imidazolin-Bindungsstellen, blockiert NMDA-Rezeptoren sowie weitere ligandengesteuerte Kationenkanäle und hemmt die Stickstoffmonoxid-Synthase. An Xenopus-Oozyten hemmt es alle vier untersuchten heteromeren NMDA-Kanäle mit ähnlicher Empfindlichkeit, spannungsabhängig und bei hyperpolarisierter Membran stärker. In Rückenmarksschnitten der Maus verkürzt es Amplitude, Dauer und Abklingkonstante der NMDA-vermittelten Ströme ähnlich wie der GluN2B-Blocker Ifenprodil, und im GluN2B-Knockdown bleibt dieser Effekt auf die Abklingkinetik aus.
Die Sache mit dem Stickstoffmonoxid
Hier lohnt das genaue Hinsehen, weil die Verkaufsaussage und die mechanistische Literatur in verschiedene Richtungen zeigen. Verkauft wird Agmatin als Verstärker der Stickstoffmonoxid-Produktion. Die pharmakologische Übersicht beschreibt es dagegen als Hemmer der Stickstoffmonoxid-Synthase. Ein Stoff, der das NO-bildende Enzym hemmt, ist kein naheliegender Kandidat für mehr Durchblutung.
Es gibt einen zweiten, oft genannten Weg, über den die Rechnung doch aufgehen könnte: Agmatin hemmt die Arginase, wodurch mehr Arginin für die endotheliale NO-Synthase übrig bliebe. Für diesen Weg liegt in den hier ausgewerteten Quellen kein Beleg vor, und ob er beim Menschen nach oraler Gabe eine messbare Rolle spielt, ist damit offen. Die Aussage bleibt an dieser Stelle unbelegt.
Wie viel davon kommt an
Agmatin wird oral aufgenommen. Bei der Ratte liegt die orale Bioverfügbarkeit bei 29 bis 35 Prozent, die Plasmahalbwertszeit nach oraler Gabe bei 74 bis 117 Minuten gegenüber etwa 15 bis 19 Minuten nach intravenöser Gabe. Nach oraler Gabe an Ratten fand sich die Markierung in allen untersuchten Organen, 67 ± 7 Prozent davon in der Leber.
Beide Datensätze stammen von der Ratte. Zur Pharmakokinetik von oralem Agmatin beim Menschen wurde in dieser Recherche keine Arbeit gefunden. Vom Nager zum Menschen ist das eine Hypothese, keine Bestätigung, und eine Dosisempfehlung trägt ein Tierbefund nicht.
Was die Studien zeigen
Zur sportlichen Leistung liegt keine einzige kontrollierte Studie am Menschen vor. Die Suche nach randomisierten oder placebokontrollierten Untersuchungen zu Kraft, Leistung, Ermüdung oder Trainingsvolumen unter Agmatin ergab keinen einzigen Treffer. Die Suche nach Arbeiten zu Durchblutung und Gefäßwirkung lieferte zwar Treffer, darunter aber keine kontrollierte Studie, die Agmatin am Menschen auf Blutfluss oder Pump geprüft hätte. Alles, was über die Wirkung im Training gesagt wird, steht damit auf Mechanismus und Anwenderbericht, nicht auf Messung.
Der entscheidende Punkt ist eine Zahl. Die halbmaximale Hemmung der NMDA-Kanäle liegt in Xenopus-Oozyten bei etwa 300 µmol/l, gemessen bei minus 70 mV. Der einzige am Menschen gemessene Blutspiegel stammt aus einer Beobachtungsstudie an 322 älteren Teilnehmern und liegt dort bei 79 bis 82 ng/ml, das sind bei einer Molmasse von 130 g/mol etwa 0,6 µmol/l. Ein Normalwert für jüngere und gesunde Menschen ist das nicht, es ist der einzige vorhandene Anhaltspunkt. Zwischen dem, was im Zellversuch wirkt, und dem, was im menschlichen Blut normalerweise vorliegt, liegt damit ungefähr der Faktor 500.
Diese Gegenüberstellung entscheidet die Sache nicht allein, sie verschiebt aber die Beweislast. Zwischen dem gemessenen Blutwert und der Konzentration, bei der im Zellversuch die halbmaximale Hemmung eintritt, liegen rund zweieinhalb Zehnerpotenzen. Ob eine übliche Portion diesen Abstand überbrückt, ist unbekannt. Ob sie das tut, ist nicht gemessen, weil es keine Humanpharmakokinetik gibt. Solange diese Messung fehlt, ist die NMDA-Wirkung beim Menschen nach oraler Gabe eine Vermutung.
Am Menschen gemessen wurde Agmatin bislang vor allem als körpereigener Stoff, nicht als Präparat: In einer Beobachtungsstudie an 322 älteren Teilnehmern lag der Plasmaspiegel bei Personen mit metabolischem Syndrom niedriger als bei Personen ohne (79,42 gegenüber 82,44 ng/ml, adjustierte OR 0,962). Das ist ein Zusammenhang zwischen einem körpereigenen Spiegel und einem Befund, keine Aussage darüber, was eine Kapsel bewirkt.
Nach der Dreistufung des Hauses ergibt sich damit: für Kraft, Muskelaufbau und Pump beim Menschen nicht gezeigt, und zwar im strengen Sinn, dass niemand nachgesehen hat. Das ist nicht dasselbe wie „wirkt nicht“.
Dosierung
- Üblich sind 500 bis 1000 mg Agmatinsulfat vor dem Training. Diese Zahl stammt aus der Praxis der Szene, nicht aus einer Dosisfindung: eine Studie am Menschen, die verschiedene Dosen gegen einen Leistungsendpunkt geprüft hätte, gibt es nicht.
- Der einzige dokumentierte Langzeitgebrauch beim Menschen lief mit 2,67 g Agmatinsulfat täglich, aufgeteilt auf zweimal drei Kapseln nach den Mahlzeiten.
- Die Halbwertszeit nach oraler Gabe liegt bei der Ratte bei ein bis zwei Stunden. Überträgt man das, wäre eine Einnahme kurz vor der Belastung sinnvoller als eine über den Tag verteilte. Geprüft ist auch das nicht.
- Ob die Einnahme nüchtern oder zum Essen etwas ändert, ist nicht untersucht. Das ist keine Entwarnung, sondern eine Lücke.
Nebenwirkungen
Anreicherung in der Leber und gehemmte Leberregeneration. Nach oraler Gabe an Ratten fanden sich 67 ± 7 Prozent der verabreichten Markierung in der Leber. Bei Ratten, denen zwei Drittel der Leber entfernt worden waren, senkten 250 mg beziehungsweise 500 mg Agmatin über sechs Tage die Leberregeneration am Tag 7 um 20 beziehungsweise 22 Prozent. Der Mechanismus ist in dieser Arbeit nicht geklärt. Ein Eingriff in den Polyaminstoffwechsel, den Zellteilung braucht, wäre die naheliegende Hypothese, geprüft ist sie nicht. Was daraus folgt: Für die gesunde Leber ist keine Warnung abzuleiten, denn geprüft wurde ein Regenerationsreiz nach Teilentfernung, den kein Anwender hat. Ob der Befund für Menschen mit Lebererkrankung oder nach einer Leberoperation etwas bedeutet, ist offen und wurde nie untersucht. Wer in dieser Lage ist, entscheidet damit ohne Datenlage, und genau das gehört gesagt, statt eine Empfehlung darüberzulegen, die es nicht gibt.
Blutdruck und Kreislauf. Über alpha-2-Adrenozeptoren und Imidazolin-Bindungsstellen greift Agmatin an genau den Stellen an, über die auch blutdrucksenkende Wirkstoffe wie Clonidin und Moxonidin arbeiten. Abhängig ist das von der Dosis und davon, welcher Anteil überhaupt zentral ankommt. Was daraus folgt: Wer bereits einen alpha-2-Agonisten oder ein Imidazolin-Präparat einnimmt, sollte den Blutdruck in den ersten Tagen mitmessen. Was man tun kann: Ein am Menschen gemessener Blutdruckeffekt von oralem Agmatin liegt nicht vor, und damit auch keine geprüfte Gegenmaßnahme. Niedrig anzusetzen und nicht mit weiteren kreislaufwirksamen Pre-Workout-Bestandteilen zu stapeln ist Vorsicht aus dem Mechanismus, nicht aus einer Studie.
Was zur Verträglichkeit tatsächlich vorliegt. Die häufig zitierte Arbeit zur Langzeitsicherheit ist ein Selbstversuch: Die beiden Autoren nahmen über vier bis fünf Jahre täglich 2,67 g Agmatinsulfat und untersuchten ihren eigenen Gesundheitszustand mit körperlichen Untersuchungen sowie Blut- und Urinwerten. Alle Messwerte blieben im Normbereich.
Diese Arbeit bezeichnet sich selbst als „case study“. Es gibt keine Kontrollgruppe, keine Verblindung und keine unabhängige Auswertung, die untersuchten Personen sind die Autoren selbst, und beide sind für eine Firma tätig, die Agmatin vermarktet. Was daraus folgt, ist eng begrenzt: Zwei Menschen haben diese Dosis über Jahre ohne auffällige Laborwerte vertragen. Eine Aussage über die Sicherheit in einer Bevölkerung ist das nicht, und seltene oder gruppenspezifische Nebenwirkungen kann ein Versuch dieser Größe grundsätzlich nicht finden. Eine Übersichtsarbeit fasst das als „Sicherheit und Wirksamkeit, belegt durch Tier- und Humanstudien“ zusammen und nennt im selben Atemzug weiteren Forschungsbedarf. Für die Frage, die hier interessiert, trägt dieser Satz nicht. Die Humandaten, auf die er sich beruft, stammen aus der Schmerzforschung und zum Teil von denselben Autoren. Zu Kraft, Muskelaufbau und Durchblutung gibt es nichts, und die Sicherheitsgrundlage bleibt der eben beschriebene Selbstversuch.
Einordnung
Agmatin ist pharmakologisch ein interessanter Stoff. Es bindet an mehreren gut beschriebenen Zielstrukturen, es entsteht nachweislich aus Arginin, und in einzelnen Maus- und Rattenmodellen zu Schmerz und Krampfanfällen sind Effekte beschrieben, dazu präklinische Befunde zur Neuroprotektion. Genau deshalb wird es beforscht.
Für den Zweck, zu dem es im Kraftsport verkauft wird, ist davon nichts angekommen. Es gibt keine Humanstudie zur Leistung, keine Humanpharmakokinetik, und die einzige Zahl, die beide Ebenen verbindet, spricht gegen die Übertragung: die im Zellversuch wirksame Konzentration liegt rund fünfhundertfach über dem, was im Blut normalerweise vorliegt. Dazu kommt, dass der meistgenannte Mechanismus in die falsche Richtung zeigt, weil die mechanistische Literatur Agmatin als Hemmer der Stickstoffmonoxid-Synthase führt und nicht als Verstärker.
Für wen es sich lohnt: Wer einen belegten Effekt auf Kraft, Muskelaufbau oder Durchblutung sucht, findet ihn hier nicht. Das ist ein „nicht gezeigt“ und kein „wirkt nicht“: Niemand hat nachgesehen. Wer es aus eigener Erfahrung nützlich findet, tut das auf einer Datenlage, die diese Erfahrung weder stützt noch widerlegt.
Was die Sache entscheiden würde, ist klein und längst überfällig: eine Pharmakokinetik am Menschen nach einer üblichen oralen Portion. Ergibt sie Plasmaspiegel im Bereich weniger µmol/l, wird eine NMDA-Wirkung beim Anwender sehr unwahrscheinlich, denn dann fehlen zur wirksamen Konzentration im Zellversuch noch zwei Zehnerpotenzen. Ergibt sie mehr, lohnt sich die erste kontrollierte Studie zu Durchblutung und Leistung. Beweisen würde auch das nichts, denn vom Plasmaspiegel auf die Konzentration am Rezeptor zu schließen ist der nächste ungeprüfte Schritt. Aber es wäre die erste Messung, die die Frage überhaupt berührt.
Quellen
- Berkels R et al. Agmatine signaling: odds and threads. Cardiovasc Drug Rev. 2004. PubMed
- Askalany AR et al. Effect of agmatine on heteromeric N-methyl-D-aspartate receptor channels. Neurosci Res. 2005. PubMed
- Waataja JJ et al. Agmatine preferentially antagonizes GluN2B-containing N-methyl-d-aspartate receptors in spinal cord. J Neurophysiol. 2019. PubMed
- Clements BM et al. Biodistribution of Agmatine to Brain and Spinal Cord after Systemic Delivery. J Pharmacol Exp Ther. 2023. PubMed
- Molderings GJ et al. Gastrointestinal uptake of agmatine: distribution in tissues and organs and pathophysiologic relevance. Ann N Y Acad Sci. 2003. PubMed
- Jo I et al. Low levels of plasma agmatine in the metabolic syndrome. Metab Syndr Relat Disord. 2010. PubMed
- Gilad GM, Gilad VH. Long-term (5 years), high daily dosage of dietary agmatine: evidence of safety. J Med Food. 2014. PubMed
- Rafi H et al. Pharmacological profile of agmatine: An in-depth overview. Neuropeptides. 2024. PubMed
Dieser Artikel wurde unter Einsatz von KI-Systemen erstellt. Mehr dazu