Nikotin
Nikotin verbessert bestimmte kognitive Laboraufgaben kurzfristig. Für Krafttraining, Muskelaufbau oder eine verlässliche Appetithemmung ist ein Nutzen nicht gezeigt; wiederholte Anwendung kann abhängig machen.
Auch bekannt als: Nicotine, Nikotin, Nicotinpolacrilex
What it is
Nikotin ist ein Wirkstoff aus Tabak, der an nikotinische Acetylcholinrezeptoren bindet. In den untersuchten Sportstudien wurde es ohne Verbrennung verabreicht, etwa als Kaugummi, Pflaster oder oral löslicher Strip. Die Befunde zu solchen Produkten lassen sich nicht mit den gesundheitlichen Folgen des Rauchens gleichsetzen.
How it works
Rezeptoren und Aufmerksamkeit
Eine mechanistische Übersicht beschreibt, dass Nikotin an neuronale nikotinische Acetylcholinrezeptoren bindet. Rezeptoren mit den Untereinheiten α4 und β2, häufig zusammen mit α6, sind besonders an der Veränderung der Aktivität dopaminerger Mittelhirnneuronen beteiligt.
Diese Wirkung macht Veränderungen von Aufmerksamkeit und Verhalten plausibel. Ob jemand dadurch im Training mehr Gewicht bewegt, folgt aus dem Rezeptormechanismus allein nicht.
Energiebilanz und wiederholte Exposition
Eine qualitative Übersicht berichtet einen höheren Ruheenergieverbrauch und höheren Energieverbrauch bei körperlicher Aktivität unter Nikotin bei Rauchern und Nichtrauchern. Eine für Sportler geeignete Dosis oder eine verlässliche Größe des Effekts nennt der Abstract nicht.
Bei chronischer Exposition beschreibt eine mechanistische Übersicht die Hochregulierung und längerfristige Desensibilisierung bestimmter Rezeptorsubtypen. Nach dem Wegfall von Nikotin kann ein Entzugssyndrom auftreten. Wie schnell sich diese Anpassungen bei gelegentlicher sportlicher Nutzung entwickeln, beziffert die Übersicht nicht.
What the studies show
Eine Metaanalyse von 41 doppelblinden, placebokontrollierten Laborstudien fand Vorteile in sechs von neun untersuchten Leistungsdomänen, darunter bestimmte Aufmerksamkeitsmaße, Feinmotorik sowie kurzzeitiges episodisches Gedächtnis und Arbeitsgedächtnis. Die berichteten Effektstärken lagen zwischen 0,16 und 0,44. Untersucht wurden gesunde Erwachsene ohne oder mit höchstens kurzem Tabakentzug; die Aufgaben waren keine Kraftsporttests. Eine Moderatoranalyse wird im Abstract nicht berichtet.
Für körperliche Leistung ist das Bild uneinheitlich. Eine systematische Übersicht fand unter sechs Leistungsstudien jeweils nur eine mit einem Ausdauervorteil und eine mit höherem Beinstrecker-Drehmoment. Anaerobe Messgrößen blieben sonst überwiegend unverändert oder verschlechterten sich. Eine formale Suche nach Moderatoren wird im Abstract nicht berichtet.
In einer randomisierten Crossover-Studie mit 16 nikotin-naiven männlichen Athleten waren Spitzen- und Durchschnittsleistung in zwei wiederholten Wingate-Tests nach einem oral löslichen Strip mit 5 mg Nikotin höher als nach Placebo. Reaktionszeit, wahrgenommene Anstrengung und Laktat nach Belastung unterschieden sich dagegen nicht signifikant. Eine Moderatoranalyse wird nicht berichtet. Der positive Befund ist eine einzelne akute Prüfung und belegt keinen Nutzen für Krafttraining oder Trainingsanpassung.
Bei zehn trainierten männlichen Radfahrern verbesserten weder 2 mg Nikotinkaugummi noch ein Pflaster mit 7 mg pro 24 Stunden die Leistung in einem ungefähr einstündigen Zeitfahren gegenüber Placebo. Die mittleren Zeiten betrugen 62,9, 62,6 und 63,3 Minuten für Kaugummi, Pflaster und Placebo; der Unterschied war statistisch nicht signifikant (p = 0,73). Die beiden Verabreichungsformen wurden getrennt geprüft, eine formale Moderatoranalyse wird nicht berichtet.
Darstellung: Drei Balken für die mittlere Zeit eines ungefähr einstündigen Radzeitfahrens, mit einer gemeinsamen Zeitachse ab null und Fehlerbalken für die berichtete Streuung. Daten: 2 mg Nikotinkaugummi: 62,9 ± 4,1 Minuten; Nikotinpflaster mit 7 mg pro 24 Stunden: 62,6 ± 4,5 Minuten; Placebo: 63,3 ± 4,1 Minuten. Vergleich der Zeiten: p = 0,73. Fundstellen: s7, PubMed-Abstract, Abschnitt „Results“, Angaben zu „performance time“. Hinweise: Randomisierte, doppelblinde Crossover-Studie mit zehn trainierten Männern. Die nahe beieinanderliegenden Mittelwerte zeigen keinen nachgewiesenen Leistungsvorteil; aus den Daten keine Dosis-Wirkungs-Kurve ableiten.
Eine qualitative Übersicht über 65 Studien bezeichnet den Effekt von Nikotin auf die Nahrungsaufnahme als unklar. Eine verlässliche Appetithemmung für nikotin-naive Sportler lässt sich daraus nicht ableiten. Eine formale Moderatoranalyse wird im Abstract nicht berichtet.
Für Muskelhypertrophie, Trainingsanpassung, Regeneration oder eine Bodybuilding-spezifische Veränderung der Körperzusammensetzung liegt im ausgewerteten Evidenzpaket keine kontrollierte Humanstudie vor. Eine Prüfung müsste solche Endpunkte über mehrere Trainingswochen direkt messen. Akute Laborleistung und Energieverbrauch beantworten diese Frage nicht.
Dosage
- Für Krafttraining oder Diät: Aus den vorliegenden Studien lässt sich keine wirksame und sichere Nikotindosis ableiten.
- Einordnung der Versuche: Der positive Wingate-Befund entstand nach einem einmaligen oral löslichen Strip mit 5 mg Nikotin bei 16 nikotin-naiven männlichen Athleten. Das ist eine Studiendosis, keine Anwendungsempfehlung.
- Andere Verabreichungsformen: In einem Zeitfahren brachten 2 mg Kaugummi und ein Pflaster mit 7 mg pro 24 Stunden gegenüber Placebo keinen nachgewiesenen Leistungsvorteil. Diese unterschiedlichen Wege und Dosen ergeben zusammen keine Dosis-Wirkungs-Kurve.
Side effects
Herzfrequenz und Blutdruck: Nikotin verändert physiologische Kreislaufreaktionen; nach dem Strip mit 5 mg waren bei 16 nikotin-naiven männlichen Athleten Herzfrequenz und Blutdruck höher als nach Placebo. Gemessen wurden akute Werte, keine klinischen Ereignisse. Aus dieser Studie folgt weder ein Grenzwert für Langzeitschäden noch der Nachweis einer Vasokonstriktion. Wer eine zusätzliche Kreislaufbelastung vermeiden will, verzichtet auf Nikotin als Trainingshilfe; eine belegte Gegenmaßnahme für diesen Zweck liegt in den ausgewählten Studien nicht vor.
Abhängigkeit und Entzug: Wiederholte Nikotinexposition kann Rezeptoren und neuronale Schaltkreise verändern; nach Beendigung kann ein Entzugssyndrom auftreten. Die ausgewählte Übersicht quantifiziert weder das individuelle Risiko bei einer bestimmten Dosis noch die Zeit bis zur Entwicklung einer Toleranz. Diese Ungewissheit spricht gegen eine regelmäßige Nutzung für einen ungesicherten Sportnutzen. Eine speziell für sportliche Nikotinnutzung untersuchte Gegenmaßnahme ist im Evidenzpaket nicht enthalten.
Classification
Nikotin kann bestimmte kognitive Laboraufgaben kurzfristig verbessern. Für sportliche Leistung zeigen die verfügbaren Humanstudien einzelne positive Befunde neben Nullbefunden; ein wiederholt belegter Nutzen für Kraftsport ist nicht erkennbar. Auch die erwartete Hilfe bei der Diät bleibt offen, weil der Effekt auf die Nahrungsaufnahme unklar ist.
Der entscheidende Test fehlt: Verbessert Nikotin über mehrere Trainingswochen Kraft, Muskelaufbau oder Körperzusammensetzung gegenüber Placebo, und zu welchem Preis an Abhängigkeit und Nebenwirkungen? Bis solche Endpunkte gemessen sind, trägt der Rezeptormechanismus keine Empfehlung für die Anwendung im Bodybuilding.
Sources
- Heishman SJ et al. Meta-analysis of the acute effects of nicotine and smoking on human performance. Psychopharmacology (Berl). 2010. PubMed
- Johnston R et al. Nicotine effects on exercise performance and physiological responses in nicotine-naïve individuals: a systematic review. Clin Physiol Funct Imaging. 2018. PubMed
- Johnston R et al. Effect of nicotine on repeated bouts of anaerobic exercise in nicotine naïve individuals. Eur J Appl Physiol. 2018. PubMed
- Mündel T et al. Nicotine Supplementation Does Not Influence Performance of a 1h Cycling Time-Trial in Trained Males. Front Physiol. 2019. PubMed
- Schwartz A et al. Nicotine and energy balance: A review examining the effect of nicotine on hormonal appetite regulation and energy expenditure. Appetite. 2021. PubMed
- Wittenberg RE et al. Nicotinic acetylcholine receptors and nicotine addiction: A brief introduction. Neuropharmacology. 2020. PubMed
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