Melatonin
Melatonin kann Jetlagbeschwerden verringern. Bei Schichtarbeit sind die Schlafvorteile klein und unsicher; Dosis, Einnahmezeitpunkt und Präparat müssen zur untersuchten Anwendung passen.
Auch bekannt als: N-Acetyl-5-Methoxytryptamin, Melatonine
What it is
Melatonin ist ein körpereigenes Hormon. Chemisch ist es ein aus Serotonin gebildetes Indolamin, auch N-Acetyl-5-Methoxytryptamin genannt. Die Zirbeldrüse gibt es vor allem während der biologischen Nacht ins Blut ab. Licht und Dunkelheit stimmen diesen Rhythmus mit der Umwelt ab: Melatonin vermittelt dem Körper ein hormonelles Nachtsignal.
Als Präparat wird Melatonin für unterschiedliche schlafbezogene Beschwerden untersucht. Dabei unterscheiden sich schnell freisetzende und retardierte Zubereitungen. Die hier besprochenen Studien betreffen Flugreisen über Zeitzonen, eine diagnostizierte verzögerte Schlaf-Wach-Phase, Schichtarbeit und Schlafstörungen. Ergebnisse aus einer dieser Situationen lassen sich nicht ohne Weiteres auf die anderen übertragen.
How it works
Ein hormonelles Signal für die Nacht
Die grundlegende physiologische Funktion von Melatonin ist die zeitliche Signalgebung: Sein nächtlicher Anstieg hilft, Körperfunktionen auf die biologische Nacht einzustellen. Zugeführtes Melatonin ergänzt dieses Signal zu einem gewählten Zeitpunkt. Daraus ergibt sich die mechanistische Erwartung, dass seine Wirkung davon abhängt, wann die Einnahme relativ zur inneren Uhr erfolgt.
Für Jetlag gibt es dazu klinische Befunde: Melatonin nahe der Schlafenszeit am Zielort verringerte Beschwerden in den meisten ausgewerteten Studien. Eine Einnahme früh am Tag kann dagegen Schläfrigkeit verursachen und die Anpassung an die neue Zeitzone verzögern.
Schlaf und innere Zeit auseinanderhalten
Für die Beurteilung sind zwei Fragen zu trennen: Verändert sich der Schlaf, und verschiebt sich die innere Zeit? Als Marker der inneren Zeit dient der Beginn des körpereigenen Melatoninanstiegs bei gedämpftem Licht, kurz DLMO. In einer kontrollierten Studie zur verzögerten Schlaf-Wach-Phase wurde dieser Marker neben dem Schlaf untersucht. Das erlaubt, eine Schlafveränderung von einer nachgewiesenen Verschiebung des biologischen Rhythmus zu unterscheiden.
Die physiologische Funktion als Nachtsignal erklärt, warum eine Anwendung plausibel ist. Sie zeigt für sich weder eine wirksame Dosis noch einen klinischen Nutzen bei jeder Schlafstörung. Auch ein Schutz mitochondrialer DNA beim Menschen oder ein Anti-Aging-Nutzen üblicher oraler Dosen lässt sich daraus nicht ableiten. Dafür fehlt in der ausgewerteten Evidenz ein klinischer Humanbeleg.
What the studies show
Jetlag: Nutzen mit zeitlicher und methodischer Einschränkung
Eine Cochrane-Übersicht von 2002 umfasste zehn Studien. Sie berichtete, dass neun Studien bei Einnahme nahe der Schlafenszeit am Zielort eine Verringerung der Beschwerden nach Flügen über mindestens fünf Zeitzonen fanden. Eine Studie war wegen eines Designfehlers nicht zur Bewertung brauchbar. Die Studien waren klein und heterogen; die Übersicht bildet eine ältere Evidenzbasis ab. Der Nutzen wurde bei mehr überquerten Zeitzonen als wahrscheinlich größer und bei Westflügen als geringer eingeschätzt.
Verzögerte Schlaf-Wach-Phase: der Rhythmusmarker blieb unentschieden
Eine doppelblinde, randomisierte Studie untersuchte 116 Menschen mit diagnostizierter verzögerter Schlaf-Wach-Phasenstörung und verspätetem Melatoninanstieg relativ zur gewünschten Schlafenszeit. Über vier Wochen erhielten sie zusätzlich zu einer festen Schlafenszeitplanung entweder 0,5 mg schnell freisetzendes Melatonin oder Placebo, jeweils eine Stunde vor der gewünschten Schlafenszeit an mindestens fünf Nächten pro Woche. Bei den 43 Personen mit erneuter DLMO-Messung unterschied sich dieser Marker nach der Behandlung nicht signifikant zwischen den Gruppen. Eine Moderatoranalyse ist dazu im Abstract nicht berichtet.
Die kleine Teilgruppe liefert keinen Beleg dafür, dass Melatonin die innere Uhr unter diesem Einnahmeschema zuverlässig verschiebt. Sie beweist ebenso wenig, dass eine Verschiebung ausgeschlossen ist. Um die offene Frage zu entscheiden, müssten Schlafbeginn und Rhythmusmarker gemeinsam in einer ausreichend großen Gruppe nachgemessen werden. Eine diagnostizierte Phasenstörung ist außerdem kein direkter Beleg für die Behandlung des umgangssprachlichen Social Jetlags.
Schichtarbeit: etwas längerer Schlaf, kein Vorteil beim Einschlafen nachgewiesen
Eine Cochrane-Metaanalyse fand bei 263 Schichtarbeitenden aus sieben Studien unter Melatonin nach einer Nachtschicht durchschnittlich 24 Minuten mehr Tagschlaf als unter Placebo. Das 95%-Konfidenzintervall reichte von 9,8 bis 38,9 Minuten. Für die Nachtschlafdauer ergaben drei Studien mit 234 Teilnehmenden durchschnittlich 17 zusätzliche Minuten, mit einem 95%-Konfidenzintervall von 3,71 bis 30,22 Minuten. Die Evidenzqualität wurde als niedrig bewertet.
Für die Einschlaflatenz fand sich dagegen kein Vorteil: In fünf Studien mit 74 Teilnehmenden betrug der mittlere Unterschied 0,37 Minuten, mit einem 95%-Konfidenzintervall von −1,55 bis 2,29 Minuten. Die Übersicht prüfte eine Dosis-Wirkungs-Beziehung und fand keine. Damit ist weder eine höhere Dosis als Lösung des Nullbefunds belegt noch eine bestimmte Gruppe zuverlässiger Responder identifiziert.
Dosage
- Bei Jetlag: In der älteren Übersicht waren 0,5 bis 5 mg hinsichtlich der Jetlagbeschwerden ähnlich wirksam. Bei einer Dosis von 5 mg wurden schnelleres Einschlafen und besserer Schlaf als bei 0,5 mg berichtet; Dosen über 5 mg schienen keinen zusätzlichen Nutzen zu bringen. Entscheidend war die Einnahme nahe der Schlafenszeit am Zielort. Diese Angaben begründen keine allgemeine Dosierung für andere Schlafprobleme.
- Bei diagnostizierter verzögerter Schlafphase: Das untersuchte Schema bestand aus 0,5 mg schnell freisetzendem Melatonin eine Stunde vor der gewünschten Schlafenszeit zusammen mit fester Schlafenszeitplanung. Es ist kein Beleg für eine universell optimale Einnahmezeit oder für die Gleichwertigkeit anderer Formulierungen.
- Bei Schichtarbeit: Untersucht wurden 1 bis 10 mg nach der Nachtschicht. Weil keine Dosis-Wirkungs-Beziehung gefunden wurde, lässt sich daraus kein Vorteil einer Steigerung bis zum oberen Ende dieses Bereichs ableiten.
- Bei dauerhafter Einnahme: Die vorhandene offene Langzeitstudie untersuchte 2 mg retardiertes Melatonin. Ihre Ergebnisse tragen keine Aussage zur Langzeitsicherheit höherer Dosierungen oder schnell freisetzender Präparate.
Side effects
Tagesmüdigkeit, Kopfschmerzen und Schwindel
Eine systematische Übersicht über 37 randomisierte Schlafstudien berichtete vor allem Tagesmüdigkeit, Kopfschmerzen und Schwindel; die meisten Ereignisse waren mild bis moderat. Ihre jeweiligen Entstehungsmechanismen wurden damit nicht geklärt. Untersucht wurden tägliche Dosen von 0,15 bis 12 mg. Die meisten Studien dauerten höchstens vier Wochen, die längste Beobachtung reichte bis 29 Wochen. Eine Dosis- oder Dauer-Moderatoranalyse wurde im Abstract nicht berichtet. Belastbare Schwellen, ab denen diese Beschwerden zu erwarten sind, lassen sich deshalb nicht angeben.
Bei Jetlag ist zumindest ein beeinflussbarer Faktor beschrieben: Eine Einnahme früh am Tag kann Schläfrigkeit und eine verzögerte Anpassung auslösen. Der Einnahmezeitpunkt sollte deshalb am Schlafzeitpunkt des Zielorts ausgerichtet sein. Für andere Gegenmaßnahmen gegen Kopfschmerzen oder Schwindel liefern die ausgewerteten Quellen keinen geprüften Beleg.
Eigenproduktion und Beschwerden nach dem Absetzen
Die Behauptung, zusätzliche Melatoninzufuhr drossele langfristig zwangsläufig die Eigenproduktion, wird durch die untersuchte Langzeitgabe nicht gestützt. In einer offenen Studie mit 244 Erwachsenen mit primärer Insomnie wurde nach sechs bis zwölf Monaten unter nächtlich 2 mg retardiertem Melatonin keine Unterdrückung der Eigenproduktion festgestellt. Gemessen wurde nach dem Absetzen die nächtliche Ausscheidung des Metaboliten 6-Sulfatoxymelatonin. Während der zweiwöchigen Absetzphase wurden außerdem weder Rebound-Insomnie noch Entzugssymptome berichtet. Eine Moderatoranalyse wurde nicht berichtet.
Die Studie hatte keine fortlaufende Placebokontrolle und verzeichnete Studienabbrüche. Sie widerlegt keine denkbaren Risiken langfristiger Hochdosen. Eine belegte Unterdrückung, einen dafür geltenden Grenzwert oder eine geprüfte Gegenmaßnahme liefern diese Daten nicht. Ebenso fehlt ein belastbarer dosisabhängiger Zusammenhang mit lebhaften Träumen oder morgendlicher Schlaftrunkenheit. Seltene und langfristige Schäden bleiben durch die überwiegend kurzen Sicherheitsstudien unzureichend erfasst.
Classification
Der am klarsten gestützte Einsatz in dieser Evidenzbasis ist die Verringerung von Jetlagbeschwerden bei passendem Einnahmezeitpunkt. Bei Schichtarbeit ist ein kleiner Gewinn an Schlafdauer möglich, die Evidenz jedoch unsicher. Schnellere Einschlafzeiten sind dort nicht gezeigt. Die Ergebnisse rechtfertigen weder eine pauschale Anwendung bei jedem Schlafproblem noch die Annahme, höhere Dosen seien grundsätzlich wirksamer.
Für Kraftsportler bleibt der entscheidende Zusatznutzen offen: Besserer Schlaf müsste sich in kontrollierten Untersuchungen auch in besserer Erholung oder Leistung zeigen. Solche Endpunkte werden durch die hier ausgewerteten Arbeiten nicht belegt. Ebenso fehlen direkte Belege für Social Jetlag, klinische Anti-Aging-Effekte und die behauptete Überlegenheit von Magnesium oder Ashwagandha gegenüber Melatonin.
Sources
- Sletten TL et al. Efficacy of melatonin with behavioural sleep-wake scheduling for delayed sleep-wake phase disorder: A double-blind, randomised clinical trial. PLoS Med. 2018. PubMed
- Herxheimer A et al. Melatonin for the prevention and treatment of jet lag. Cochrane Database Syst Rev. 2002. PubMed
- Liira J et al. Pharmacological interventions for sleepiness and sleep disturbances caused by shift work. Cochrane Database Syst Rev. 2014. PubMed
- Besag FMC et al. Adverse Events Associated with Melatonin for the Treatment of Primary or Secondary Sleep Disorders: A Systematic Review. CNS Drugs. 2019. PubMed
- Lemoine P et al. Prolonged-release melatonin for insomnia - an open-label long-term study of efficacy, safety, and withdrawal. Ther Clin Risk Manag. 2011. PubMed
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