Insulin

Eiweißhormon, das am Muskel nicht aufbaut, sondern den Abbau bremst: die Metaanalyse aus 25 Studien findet keinen gesicherten Effekt auf die Proteinsynthese. Oberhalb einer mittleren Dosis nimmt die Wirkung sogar ab. Die Unterzuckerung ist dagegen bei über der Hälfte der Anwender schon vorgekommen.

Auch bekannt als: Humaninsulin, Novorapid, Humalog, Lantus, Insulin lispro

Knowledge Bodybuilding Bible

What it is

Insulin ist ein Eiweißhormon aus 51 Aminosäuren, gebildet in den Betazellen der Bauchspeicheldrüse. Seine Aufgabe ist die Verteilung: Nach einer Mahlzeit sorgt es dafür, dass Glukose, Aminosäuren und Fettsäuren aus dem Blut in die Zellen gelangen und dort gespeichert werden. Zur Physiologie siehe Insulin als Hormon and Glucose metabolism.

Im Kraftsport wird es eingesetzt, weil es als stärkster anaboler Reiz überhaupt gilt. Diese Annahme stammt aus der Zellbiologie: Insulin schaltet den PI3K/Akt-Signalweg an, der über mTOR die Proteinsynthese steuert und die Autophagy bremst. Der Weg ist richtig beschrieben. Was am Menschen daraus folgt, ist eine andere Frage, und sie ist beantwortet.

How it works

Am Muskel: bremsen statt bauen

Eine Metaanalyse aus 25 Studien mit zusammen 173 Teilnehmern hat genau getrennt, was Insulin am menschlichen Skelettmuskel tut. Es hob die Muskelproteinsynthese nicht bedeutsam an: die gewichtete mittlere Differenz lag bei 3,90, der Vertrauensbereich reichte von minus 0,74 bis 8,55 und schließt die Null damit ein. Den Proteinabbau senkte es dagegen deutlich, mit minus 15,46 bei einem Bereich von minus 19,74 bis minus 11,18. Stieg gleichzeitig das Aminosäurenangebot, stieg auch die Synthese, auf 13,44 bei 4,07 bis 22,81.

Was Insulin am Muskel tatsächlich verschiebt
Metaanalyse aus 25 Studien mit 173 Teilnehmern, Insulininfusion gegen Kontrollbedingung
Proteinsynthese, Insulin allein Proteinsynthese, Insulin allein: +3,90 (−0,74 bis +8,55) Proteinsynthese, mit mehr Aminosäuren Proteinsynthese, mit mehr Aminosäuren: +13,44 (+4,07 bis +22,81) Proteinabbau Proteinabbau: −15,46 (−19,74 bis −11,18) +3,90 +13,44 −15,46 −20 −10 0 10 20 Gewichtete mittlere Differenz gegenüber der Kontrollbedingung
Der Punkt ist der zusammengefasste Schätzwert, der Balken der Bereich, in dem der wahre Wert mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit liegt. Bei der Synthese unter Insulin allein reicht dieser Bereich über die Null, der Effekt ist also nicht gesichert. Die Werte stehen in den Einheiten der jeweils zugrunde liegenden Messungen, entscheidend ist hier die Richtung und nicht der Betrag.

Insulin ist am Muskel also nicht der Baumeister, sondern der Wachdienst. Es verhindert Abbau, und es baut nur dann auf, wenn ihm gleichzeitig Baumaterial geliefert wird. Das deckt sich mit dem, was aus der Muscle protein synthesis bekannt ist: Der Reiz kommt vom Training und von den Aminosäuren, nicht vom Hormon allein.

Die Dosis-Wirkungs-Umkehr

Noch aufschlussreicher ist, was bei steigender Dosis passiert. In einem Versuch an 19 jungen Gesunden wurde Insulin örtlich in drei Stärken zugeführt. Die mittlere Dosis steigerte die Durchblutung im Muskel und die Anlieferung von Aminosäuren deutlich, und mit ihr stieg die Proteinsynthese um 157 Prozent. Die hohe Dosis brachte dagegen nur noch 9 Prozent, senkte aber den Abbau um 17 Prozent.

Das ist die zentrale Aussage dieses Artikels, und sie steht quer zur verbreiteten Annahme. Mehr Insulin bringt am Muskel nicht mehr, sondern ab einem Punkt weniger. Der Grund ist die Anlieferung: Bei sehr hohen Spiegeln fällt der Aminosäurespiegel im Blut so weit, dass das Baumaterial fehlt, obwohl das Signal maximal ist. Die Grenze liegt also nicht bei der Verträglichkeit, sondern schon im Wirkmechanismus, und sie liegt tief.

Was es sonst tut

Die Wirkungen, die zuverlässig eintreten, betreffen nicht den Muskelaufbau. Insulin füllt die Glykogenspeicher in Muskel und Liver, siehe Carbohydrates in sport. Es hemmt gleichzeitig die Fettfreisetzung und fördert die Fetteinlagerung, siehe Fettstoffwechsel und Lipolyse. Und es senkt den Blutzucker, zuverlässiger als alles andere, was hier beschrieben ist.

What the studies show

Der anabole Nutzen beim Gesunden

Es gibt ihn als Behauptung, nicht als Messung. Eine Übersicht zum Einsatz von Wachstumshormon, IGF-1 und Insulin zu anabolen Zwecken hält ausdrücklich fest, dass es trotz der verbreiteten Überzeugung an belastbaren Daten am Menschen fehlt. Eine Studie, die gesunde Krafttrainierende mit und ohne Insulin über Wochen vergleicht und Muskelmasse misst, existiert nicht.

Damit steht die gesamte Anwendung auf einem Mechanismus, und der Mechanismus sagt nach den vorliegenden Messungen etwas anderes als erhofft: nicht mehr Aufbau, sondern weniger Abbau, und das auch nur bis zu einer mittleren Dosis. Die offene Vorhersage lautet: Trägt die Annahme, müsste sich bei gleicher Kalorien- und Proteinzufuhr über zwölf Wochen ein Unterschied in der fettfreien Masse zeigen. Gemessen wurde das nie.

Was bei Anwendern passiert

Hier gibt es Zahlen, und sie sind unangenehm. Eine Befragung von 41 Anwendern ohne Diabetes, im Mittel 30,7 Jahre alt und zu 97,6 Prozent männlich, ergab: 56,8 Prozent hatten bereits eine Unterzuckerung erlebt, einer davon mit Bewusstlosigkeit. 95,1 Prozent verwendeten zusätzlich anabole Steroide, im Schnitt 16,2 verschiedene Mittel im Jahr. 80,6 Prozent gaben an, Insulin sei leicht zu bekommen, 37,8 Prozent bezogen es in einer normalen Apotheke.

Eine Selbstauskunft im Internet ist keine kontrollierte Erhebung, und wer antwortet, ist nicht zufällig ausgewählt. Für die Wirksamkeitsfrage taugt sie nicht. Für die Häufigkeit der Unterzuckerung ist sie trotzdem aussagekräftig, und zwar eher nach unten verzerrt: Wer eine schwere Episode nicht überlebt hat, füllt keinen Fragebogen aus. Ein Fallbericht aus der Sportmedizin beschreibt denselben Zusammenhang am Einzelfall.

Dosage

Hier steht bewusst keine Zahl. Nicht aus Zurückhaltung, sondern weil es nichts zu nennen gibt: Für den Einsatz bei Stoffwechselgesunden existiert kein geprüftes Schema, und der Abstand zwischen der Dosis, die etwas bewirken soll, und der Dosis, die eine Bewusstlosigkeit auslöst, ist bei keiner Angabe bekannt. Was sich sagen lässt:

  • Die Wirkung ist nicht linear. Am Muskel brachte die mittlere Dosis 157 Prozent mehr Synthese, die hohe nur noch 9. Wer die Dosis erhöht, kauft sich Risiko ohne den passenden Gegenwert.
  • Ohne Aminosäuren wirkt es nicht anabol. Das ist der Befund der Metaanalyse, und er verschiebt die Frage von der Insulindosis auf die Proteinzufuhr.
  • Die verbreitete Faustregel ist keine Sicherheitsmarge. Die Angabe, je Einheit Insulin eine bestimmte Menge Kohlenhydrate zu essen, stammt aus der Diabetesbehandlung, wo sie an einen gemessenen Blutzucker und an eine individuell bestimmte Empfindlichkeit gekoppelt ist. Beim Gesunden schwankt der Bedarf mit Trainingszustand, Mahlzeit, Alkohol und Tageszeit um ein Mehrfaches. Eine feste Zahl schafft ein Sicherheitsgefühl, wo keine Sicherheit ist.
  • Der gefährliche Zeitpunkt liegt nach dem Essen. Schnell wirksame Präparate entfalten ihr Maximum nach ein bis drei Stunden, also lange nachdem die Kohlenhydrate aufgenommen und verstoffwechselt sind. Die Unterzuckerung kommt typisch nicht sofort, sondern verzögert, und im Schlaf bleibt sie unbemerkt.
  • Was den Verlauf zusätzlich verschiebt: Alkohol bremst die Zuckerneubildung in der Leber, Ausdauerbelastung erhöht die Insulinempfindlichkeit über Stunden, und eine versehentlich intramuskuläre statt unter die Haut gesetzte Injektion beschleunigt die Aufnahme erheblich.

Side effects

Unterzuckerung

What happens: Fällt der Blutzucker unter etwa 70 mg/dl, antwortet der Körper mit Adrenalin: Zittern, Schwitzen, Herzrasen, Heißhunger. Fällt er weiter, bekommt das Gehirn zu wenig Brennstoff. Es folgen Verwirrtheit, Sprachstörungen, Krampfanfall, Bewusstlosigkeit. Das Gehirn hat keinen eigenen Glukosespeicher, deshalb geht es um Minuten und nicht um Stunden.

What it depends on: Von Dosis, Präparat, Zeitpunkt, Mahlzeit, Alkohol und Trainingsbelastung. Unter Anwendern hatten 56,8 Prozent bereits eine Episode erlebt. What follows from this is: Das ist keine Nebenwirkung im üblichen Sinn, die man aussitzt, sondern ein akuter Notfall. Anhaltende schwere Unterzuckerung führt zu bleibenden Hirnschäden und zum Tod, und sie kann im Schlaf eintreten, ohne dass die Warnzeichen jemanden wecken.

What you can do: Bei den ersten Zeichen sofort schnelle Kohlenhydrate zuführen, Traubenzucker oder Saft, nicht Schokolade und nichts Fetthaltiges, weil Fett die Aufnahme verzögert. Bei Verwirrtheit oder Bewusstlosigkeit nichts einflößen, sondern in die stabile Seitenlage bringen und den Rettungsdienst rufen. Wer die Substanz verwendet, sollte das den Menschen im Haushalt sagen, damit im Ernstfall jemand weiß, worum es geht: Eine Bewusstlosigkeit ohne diese Information wird leicht falsch eingeordnet und kostet die entscheidenden Minuten.

Fettzunahme

What happens: Insulin hemmt die Fettfreisetzung und fördert die Einlagerung. Diese Wirkung ist im Gegensatz zur anabolen zuverlässig und tritt bei jeder Dosis ein. Dazu kommen die Kohlenhydrate, die begleitend gegessen werden müssen.

What it depends on: Von Dosis, Dauer und der begleitenden Kalorienmenge. What follows from this is: Wer das Mittel in einer Aufbauphase einsetzt, verschiebt das Verhältnis von Muskel zu Fett tendenziell in die falsche Richtung, weil die Fettwirkung belegt ist und die Muskelwirkung nicht. What you can do: Das ist keine Nebenwirkung, die sich wegdosieren lässt, sie gehört zum Wirkprinzip. Die einzige wirksame Maßnahme ist die Entscheidung gegen die Substanz.

Der Stack mit Wachstumshormon

What happens: growth hormone wirkt am Zuckerstoffwechsel gegenläufig zu Insulin, es hebt den Blutzucker und verschlechtert die Insulinempfindlichkeit. Die verbreitete Kombination beider Mittel ist deshalb pharmakologisch nicht zufällig, sie ist aber auch die unberechenbarste: Zwei Substanzen mit gegenläufiger Wirkung auf denselben Wert machen jede Dosisabschätzung wertlos, sobald sich an einer von beiden etwas ändert.

What it depends on: Von beiden Dosen und ihrem zeitlichen Abstand. What follows from this is: Die Übersicht zu diesen drei Mitteln hält für alle drei die Datenlage am Menschen für dünn. Belastbare Angaben zur Kombination gibt es nicht. What you can do: Wer beides verwendet, hat keine Grundlage, auf der er die Wechselwirkung abschätzen könnte. Das ist kein Argument für Vorsicht bei der Dosierung, sondern eines gegen die Kombination.

Was langfristig offen ist

What happens: Von außen zugeführtes Insulin bei intakter eigener Produktion greift in einen Regelkreis ein, der beim Gesunden funktioniert. Diskutiert wird, ob dauerhaft hohe Spiegel die Empfindlichkeit der Rezeptoren senken.

What it depends on: Vermutlich von Dosis und Dauer. What follows from this is: Hier endet das Gesicherte vollständig. What you can do: Nüchternblutzucker und Langzeitzuckerwert mitmessen, siehe Laboratory monitoring. Was diese Werte bei einem Anwender bedeuten, ist allerdings selbst nicht untersucht.

Zu den Langzeitfolgen bei Stoffwechselgesunden liegen keine Daten vor. Es gibt keine Kohorte, die Anwender über Jahre begleitet. Weder die Sorge vor einer erworbenen Insulinresistenz noch ihre Entwarnung lässt sich belegen, und beides wird trotzdem regelmäßig behauptet.

Classification

Insulin ist der Fall, in dem Mechanismus und Ergebnis am weitesten auseinanderliegen. Die Zellbiologie ist beeindruckend, und sie stimmt. Die Messung am Menschen sagt etwas anderes: Insulin hebt die Muskelproteinsynthese nicht bedeutsam an, es senkt den Abbau, und oberhalb einer mittleren Dosis nimmt der Effekt auf die Synthese sogar wieder ab.

Dem steht ein Risiko gegenüber, das anders geartet ist als bei allen anderen Mitteln in diesem Bereich. Bei Steroiden entstehen Schäden über Monate und Jahre und sind an Blutwerten früh erkennbar. Bei Insulin ist die schwere Nebenwirkung akut, sie tritt binnen Stunden ein, sie ist bei mehr als der Hälfte der Anwender schon vorgekommen, und sie ist nicht abgestuft: Zwischen einer unauffälligen Anwendung und einer tödlichen liegt kein Warnbereich, in dem sich gegensteuern ließe, sondern nur die Frage, ob jemand rechtzeitig eingreift.

Damit ist die Abwägung ungewöhnlich einfach, weil die eine Seite fehlt. Ein belegter Nutzen, gegen den sich das Risiko abwägen ließe, liegt nicht vor. Wer den anabolen Effekt sucht, findet in der vorhandenen Literatur eine Anweisung, die nichts kostet: genug Protein und genug Kohlenhydrate um das Training herum. Das ist derselbe Wirkweg, über den Insulin am Muskel überhaupt etwas bewirkt, nur über die körpereigene Ausschüttung.

Sources

  1. Evans PJ, Lynch RM. Insulin as a drug of abuse in body building. Br J Sports Med. 2003. PubMed
  2. Abdulla H et al. Role of insulin in the regulation of human skeletal muscle protein synthesis and breakdown: a systematic review and meta-analysis. Diabetologia. 2016. PubMed
  3. Fujita S et al. Effect of insulin on human skeletal muscle protein synthesis is modulated by insulin-induced changes in muscle blood flow and amino acid availability. Am J Physiol Endocrinol Metab. 2006. PubMed
  4. Ip EJ et al. Weightlifting's risky new trend: a case series of 41 insulin users. Curr Sports Med Rep. 2012. PubMed
  5. Anderson LJ, Tamayose JM, Garcia JM. Use of growth hormone, IGF-I, and insulin for anabolic purpose: pharmacological basis, methods of detection, and adverse effects. Mol Cell Endocrinol. 2018. PubMed

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